ETHIK ALS REGULATIV VON SKANDALEN IN DER ÖKONOMIE

Manfred J. Hoefle

 

Vorausschicken möchte ich, dass ich als Bürger, nicht als Vertreter irgendeiner Organisation oder mit Rücksicht auf bestimmte Gruppen und Personen spreche.

 

Teil Eins

Sprache als Spiegel eines kulturellen Niedergangs

Gleich zu Beginn möchte ich sagen, dass ich nicht von Ethik reden werde, sondern von Moral. Warum? Ethik bedeutet eigentlich Moralwissenschaft bzw. die Lehre von der Moral. Ethik hat im Deutschen etwas Lehrbuchhaftes, Systemisches, Aufgesetztes.

Moral jedoch ist eine normative Angelegenheit, eine Einstellung, ein Anliegen mit Gebotscharakter. Moral ist stets an Charakter, an die Person gebunden. Gandhi hat Moral als die Grundlage für das Zusammenleben bezeichnet. Eine solch umfassende Sicht sollte Maßgabe sein, wenn von regulativen Ansätzen und Ideen in Wirtschaft und Gesellschaft die Rede ist.
Die deutsche Sprache ist überreich an bedeutungsschweren Begriffen, die in Verbindung zu Moral stehen: Anstand, Charakter, Ehre, Demut, Tugend, Würde. Die Würde des Menschen ist der Eckstein des Grundgesetzes. Aber ihr innerer Gehalt ist nicht mehr so selbstverständlich, so klar wie zu Zeiten der Generation der Gründerväter und der danach.

Würde kann, sollte sich auch auf die Arbeit beziehen, wiewohl ein solcher Bezug nicht mehr üblich ist. Im Nachgang zur Präsidentenwahl wurde in den USA erstmals wieder die Dignity of labor hervorgehoben. Die verloren gegangene Würde der Arbeit und der Verlust von Status wurde als Ausdruck für die soziale Malaise weiter Landstriche der Vereinigten Staaten ausgemacht, die übrigens in vielen Ländern ihre Entsprechungen hat, auch in Deutschland.
Wir sollten daran denken, dass die Begriffe Achtung, Ehre, Verantwortung, Vertrauen, Würde in ihrer adjektivischen Form als feste Attribute bis in unsere Tage, Berufe bzw. Stände auszeichnen: so der ehrbare Kaufmann, der vertrauenswürdige Bankier, das achtbare Handwerk, der verantwortungsvolle Unternehmer, der ehrliche Makler.

Wir sollten uns daran erinnern, dass Berufe, Stände sich auch immer als moralisch-sittliche Bünde mit verbindlichen Regeln verstanden. Dass sich für Politiker oder Journalisten keine solch einprägsamen Zuschreibungen eingebürgert haben, ist bedauerlich. Es ist ein verbreiteter Wunsch, zuhörwillige, aufmerksame, glaubwürdige Politiker und unabhängige Journalisten, seriöse Medienvertreter in großer Zahl zur Zivilgesellschaft zählen zu können.
In unserer Zeit des Sprach-Relativismus und des Verlustes von Sprachvielfalt wirken die Begriffe Anstand, Unbescholtenheit, Rechtschaffenheit, Vertrauenswürdigkeit, Verlässlichkeit altväterlich, altmodisch. Doch sie meinen sittliche Maßgaben, die für das Zusammenleben zu allen Zeiten und allerorten elementar sind. Die reichhaltige und bedeutungsschwere deutsche Sprachwelt wurde im Laufe der letzten Jahrzehnte zusehends durch abstrakte, neutrale, neumodische, anglifizierte Worte ersetzt, zuweilen ganz untergepflügt.

Sprache wurde mehr und mehr synthetisch und formelhaft, immer weniger ursprünglich - oder wie man heute sagt - authentisch. Das Diktum "sowas tut man nicht" oder wie man auf dem Land sagt "ein anständiger Kerl macht das nicht“, ist ein unmissverständlicher Ausdruck, der, obwohl er rechtlich unbestimmt ist, moralisch klarer nicht sein könnte.
Statt der zu Anfang aufgeführten Beschreibungen wurde es üblich, von Professionals und von Leaders zu reden. Der Begriff "professionell" ist nicht selten eine Reduktion auf Form und Gehabe. In Journalen und auf Managementkongressen wird ohne Unterlass von Leaders geschwafelt, von denen es nach dem einmal auch hierzulande hoch im Kurs stehenden Management-Guru, Tom Peters, tausende, wenn nicht zehntausende geben sollte. Unentwegt wird auch von Consultants, von Coaches und ununterbrochen von CEOs und Chief Officers jedweder Zuständigkeit gesprochen und geschrieben.

Dieser Begriffswandel ist aufschlussreich: Vor 60 Jahren machte Peter Drucker aus dem Management eine Disziplin, prägte das Berufsbild des Managers und beschrieb seine Funktion in großer Breite und Tiefe. In unseren Tagen gewinnt man mitunter den Eindruck, dass der Manager überholt sei. Hinter der inflationären Aufwertung von Leadership stehen der Drang zur Selbstüberhöhung, der elitäre Touch an Business Schools, desweiteren der Hang von Beratern und Medienvertretern zum Schmeicheln ihrer Klienten. Nicht von ungefähr hört man, dass eine Beraterstudie mit Leadership im Titel doppelt so teuer sein darf wie eine mit (nur) Management.

Was wichtiger ist: Mit neuen Begriffen werden entsprechende Praktiken und Rollen importiert und die bisherige Praxis für überholt, für vorgestrig erklärt. Beispiele dafür sind Corporate Governance und Compliance. Vorwiegend amerikanische Berater, Wirtschaftsprüfer, Investment-Banker sind deren Katalysatoren, die amerikanische Börsenaufsicht SEC und die NYSE/Nasdaq als Leitbörsen die entsprechende Referenz. Dieses Kollektiv, das Parabusiness, ist bemüht, diese Entwicklung nicht nur nicht abreißen zu lassen, sondern anzuregen.

(Das Eindringen dieser “Soft Law“-Ansätze wäre ein Extrathema).

Business Ethics ist eine weitere typische Ausprägung der neuen Begriffswelt. Ethik wurde in den USA "chic", fand Eingang in die Curricula der meisten Business Schools. Nach der Finanzkrise von 2008 erlebte Business Ethics einen wahren Hype. Zusätzliche Vorlesungen und Seminare wurden eingerichtet und MBA-Studenten, angefangen an der Harvard Business School, bekannten sich zu ethisch einwandfreiem Verhalten, indem sie symbolträchtig Ethic Oaths (auf Deutsch: Anstandseide) unterschrieben. Das war bald mal mehr oder weniger vergessen.

Beobachtet man die amerikanische Szene, zeigt sich, dass Ethik das Format einer Moraltechnologie angenommen hat und zum großen Teil akademisiert wurde. Offenbar geht es bei Business Ethics mehr um das Wissen und Vorzeigen, nicht um das Praktizieren und Vorleben von Moral; was in diesem Aphorismus der Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach, vortrefflich zum Ausdruck kommt: "Es stünde besser um die Welt, wenn die Mühe, die man sich gibt, die subtilsten Moralgesetzte auszuklügeln, zur Ausübung der einfachsten angewendet würde."

Welche Schlüsse lassen sich aus diesem Sprachwandel ziehen? Moral verlangt eine ehrliche, einfache, klare Sprache. Sie muss das Gebotene, das Richtige gut für jedermann verstehbar machen. Die ultimative Referenz dafür sind die 10 Gebote und die Goldene Regel. Verlangt ist nicht weniger als die Rückbesinnung auf gehaltvolle Worte in der Muttersprache, der Sprache von Kindesbeinen an. Die Degeneration, die Verlotterung der Sprache, wie sie in Denglish und im Manager-/ Consultant-Speak, aufscheint, ist von Übel. Friedrich von Hayek hatte für inhaltslose Worte die Bezeichnung "Wieselworte" gewählt. Das sind Sprachschalen bar jeden inneren Wertes. Diese vermehrten sich zusehends. Wenn aber Sprache zu instrumentellen Vokabeln verkommt und nichtssagende anglifizierte Wortkrücken hervorbringt, ist – das ist als ernste Warnung und nicht als feuilletonistischeAnmerkung zu verstehen – für die Gesellschaft Gefahr im Verzug.

Macht es nicht einen großen Unterschied, ob man – um ein naheliegendes Beispiel zu nehmen – von der Würde der Arbeit redet und entsprechend denkt oder von einem Job, einem "Kopf", einem Funktionsträger, einem Schein-Selbstständigen, einem abhängig Beschäftigten, einer austauschbaren, jederzeit transferierbaren, verzichtbaren Human Ressource.

Nach diesem Teil, in dem ich mich mit der Sprache beschäftigt habe, werde ich mich mit ein paar Widersprüchen und Extremen in der Ökonomie auseinandersetzen.

 

Teil 2

Zu vier Widersprüchen im Management/und in der Unternehmensführung

In großer Regelmäßigkeit verweisen Beobachtungen darauf, dass je schlechter der allgemeine Zustand der Wirtschaft oder Teilen davon ist, es umso mehr Bücher, Aufsätze, Lehren, Tools, Berater, Konferenzen, Schulungen, Kurse, Seminare gibt. Ethik ist auch so ein Fall. Schon der Philosoph Karl Popper hat die Zentner überflüssiger, artifizieller Ethik-Literatur beklagt.

Nun ein kurzer Parcours zu Paradoxien beziehungsweise vier ausgewählten Gegenpolen.

Erstens: Corporate Social Responsibility versus Ehrbarer Kaufmann
CSR wurde – verkürzt gesagt – von Funktionären der Vereinten Nationen und später der Europäischen Union lanciert, um international tätige Großunternehmen dazu zu bringen, ihr Gemeinwohlverhalten unter Beweis zu stellen. Sogleich waren Berater da, die den Unternehmen zur Hand gingen. Ihnen haben sich Professoren angeschlossen, die aus wohlverstandenem Eigeninteresse dieses lukrative Programm zur kontinuierlichen ethischen Aufrüstung mit Nachdruck – manche wohl auch aus einer gutmenschlichen Attitüde – propagierten. Mit großem Aplomb wurden die Vorzüge aufgezählt: CSR sei systematisch, controlling-fähig, reporting-geeignet als ob es in erster Linie darauf ankäme. Schließlich kam es zum Ansinnen, CSR zur permanenten Berichterstattung auszubauen und für möglichst viele verbindlich zu machen, sogar für den Mittelstand.

Das Ergebnis von CSR war zu einem guten Teil Schönreden und Selbstdarstellung. VW spendete dafür ganze 156 Seiten, die Deutsche Bank legte 27 Seiten auf. Die Diskrepanz von Worten zu Taten zeigte sich darin, dass ausgerechnet große Steuervermeider sich als besonders sozialverantwortlich vorstellten – man sollte richtigerweise sagen - verstellten. Abgrundtief war Kluft zwischen Sein und Schein im Falle von Enron. Dieser lange in der Eigenwürdigung als „The World‘s Greatest Company“ und von Fortune als „The Most Innovative Corporation“ gelobte Energiekonzern aus Texas mimte gute Governance und rigide Compliance, war ständig und umfassend von der weltweit bekanntesten Strategieberatung betreut. Enron war auch noch so großzügig, einen Ethik-Lehrstuhl zu sponsern.

Was für ein Gegensatz zum Ehrbaren Kaufmann! Dieses Verhaltensinstitut hebt auf die Moral ab, betont das anständige Handeln jedes und jeder Einzelnen. Bei Nichtbeachtung droht Ausschluss, muss soziale Ächtung in Kauf genommen werden. Eine abgewandelte, kollektive Form des Ehrbaren Kaufmanns sind Collective Actions. Das sind gemeinsame Verpflichtungen von Branchenmitgliedern zu einem fairen Geschäftsgebaren, beispielweise in der Medizintechnikbranche mit Eucomed und in der Bayerischen Bauwirtschaft. Solch eine Praxis sollte Schule machen. Für Verbände gibt es viel Aufbauarbeit zu leisten.

An der soeben gemachten Gegenüberstellung wird deutlich: Moral setzt beim Einzelnen, bei der Person, beim Charakter an. Die sogenannten ethischen Systeme bzw. ihre Vertreter dagegen meinen, Person und Charakter außen vor lassen zu können. Das ist falsch! Es ist wie bei Spielen: Ohne faire Spieler gibt es keine schönen, guten Spiele.

Zweitens: Disruption versus kreative Zerstörung
Disruption bedeutet Unterbrechung und Verdrängung, ist eine von dem Harvard-Professor Clayton Christensen vor 20 Jahren geprägte Bezeichnung für eine klein beginnende technische, dann zur umwerfenden Innovation werdende Entwicklung wie VoIP, die Digitalkamera, früher die CDs. In diesen Tagen wird Disruption zum Schlagwort für alles und jedes, was die Digitalisierung ¬– um es mal grob zu sagen – über den Haufen wirft, auch wenn es weder technisch noch sonst wie etwas besonders Neues ist; disruptiv ist danach dann der Fall, wenn mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln Branchen aufgemischt werden, wie es Uber und Lyft mit dem Taxigewerbe im globalen Maßstab machen (wollen).

Bei Joseph Schumpeter bedeutete "schöpferische Zerstörung" noch die Verdrängung durch das überzeugend Bessere; nicht das Sprengen und Zerreißen aller vermeintlich oder tatsächlich im Wege stehenden Geschäftsmodelle, gewachsenen Strukturen und Schutzvorschriften. Die "kreative Zerstörung" wurde von Unternehmern in Gang gesetzt, die daraus ein Lebenswerk machen und eine Familiendynastie gründen wollten; wie hier in Berlin Werner von Siemens.
Mit Disruption wird fälschlicherweise die Skalierung, meistens von Software-Lösungen und von Internet-Plattformen, in Verbindung gebracht, meistens mit viel Kapital und großem Marketingaufwand. Die verwendeten Technologien sind gar nicht so neu, viele verfügbar. Die wichtigen Erfindungen wurden ohnehin an Universitäten gemacht. Und viele Innovationen werden auf dem Wege der Übernahme von Startups eingekauft. Facebook beispielweise hat bereits mehr als 50 Unternehmen gekauft, allen voran Whatsapp für 19 Milliarden USD; dito Alphabet/Google und Apple.

Vorrangiges Ziel, vor allem der großen Intermediäre ist die Monopolisierung beziehungsweise die Vermachtung von Nutzern. Gesetze und Regelungen werden ausgereizt, auch gezielt überschritten, öffentliche Vorleistungen, die Infrastruktur wird einseitig in Anspruch genommen und die Nutzer nicht mal scheinbar fair behandelt. Die Kurzbezeichnung dafür ist Uber-izing (die Verbalisierung von Uber).

Der harmlos klingende Begriff Shared Economy verdeckt die Tatsache, dass sie überwiegend den oberen Einkommens- und Vermögensschichten zugutekommt. Als Beispiel dafür sind die von Uber organisierten Helikopter-Flüge in Sao Paulo zu nennen. Die Kehrseite der Shared Economy ist aller Voraussicht nach ein Heer von Multi-Jobbern und eine Masse von Scheinselbständigen. In einer jüngsten Diskussion zu diesem Begriff wurden überwiegend und begründet die Begriffe Trash (Müll), Exploitation (Ausbeutung), Desperate (Hoffnungslos), Grind (Schinderei) und Avoiding Responsibility Economy (Verantwortung vermeidende Wirtschaft) verwendet; nur gelegentlich war noch von „Gig“ (Auftritt), Peer und Platform Economy die Rede. Genau besehen, handelt es sich bei dem, was heute unter Shared Economy figuriert, um einen unhaltbaren Euphemismus.

Wenn so modische Begriffe im Spiel sind, ist Vorsicht angebracht, dann ist es höchste Zeit, das bewährte Prinzip der „Unterscheidung der Geister“ anzuwenden. So gilt es bei Disruption zu unterscheiden, welches Ziel im Zentrum steht und ob dieses Ziel mit dem Gemeinwohl verträglich ist oder nicht; rational und hinterhältig auf Abschöpfung durch Wenige hinausläuft; im Mantel angeblicher Wohlstandsvermehrung für alle.

Drittens: Maximierung versus Optimierung
Maximierung bezieht sich stets auf eine Größe. Das kann CO2, der Shareholder Value (SHV) oder was anderes sein. Eindimensionalität in komplexen Systemen wie Klima oder Unternehmen ist immer unterkomplex, suboptimal. Die Maximierung des SHV ist eine Vereinseitigung zugunsten der Shareholder im Interessensverbund von Fondsmanagern, Analysten und Investmentbankern. Die Erfahrung lehrt, dass Eindimensionalität nicht nur in technischen Systemen kritisch ist. In sozialen Systemen ist sie auf lange Sicht gefährlich und schädlich.

Das vernünftige Pendant dazu ist das optimierende Verhalten, wie es für Unternehmer kennzeichnend ist. Herbert Simon, der große Mann in Sachen Wissen, Intelligenz, Zielsysteme - 1978-Nobel-Gedächtnispreis-Träger für Wirtschaft - analysierte zeitlebens die Rationalität von Entscheidungen. Er kam zum Schluss, dass "satificing", als ausreichende bzw.hinreichende Annäherung das praktikabelste und beste Resultat bringt. Sein Zeitgenosse, der bereits erwähnte Managementlehrer Peter Drucker hat wie kein anderer den Zweck, die Notwendigkeit von Gewinn dargelegt. Shareholder-Value bzw. die Gewinnmaximierung passen nicht in die Welt des Practical Wisdom dieser beiden Weisen, die in Deutschland nur wenig rezipiert wurden. Der prominenteste Vertreter des SHV und angeblich größte Manager der letzten 50 Jahre, Jack Welch, hat erst als Former-CEO von General Electric den SHV eine "dumme Idee" genannt. Trotzdem lebt an vielen Business Schools dieses Konstrukt weiter.

Viertens: Incentivierung versus Belohnung
Eine bewährte Regel besagt, dass normales Tun, die zugeteilte Arbeit, zeitnah angemessen entlohnt gehört. Außerordentliche Leistungen wiederum sollen erst im Nachhinein, wenn sie sich als solche erwiesen haben, zuerst durch Lob, dann durch Auszeichnung vor Anderen und schließlich durch angemessene Prämien honoriert werden; stets in dieser Reihenfolge.
Die Managervergütung indes hat eine gegenläufige Entwicklung genommen.

Von amerikanischen Finanzprofessoren konzeptionell begründet, in den 1980er Jahren stand nunmehr die außerordentliche Vergütung mittels Anreiz- bzw. Incentive-Systemen im Vordergrund. Die monetären Prämien sollten sicherstellen, dass das angestellte Management sein Äußerstes zum Wohle der Aktionäre leistet. Abschätzig und doch zutreffend könnte man die, meist vom Top-Management selbst in Auftrag gegebene Bonifizierung Manager-Akkord" nennen. Diese breitete sich just zu der Zeit aus, wurde zum Standard, als der Akkordlohn in der Fertigung weitgehend abgeschafft war, weil er sich als unproduktiv erwiesen, anfällig für Manipulation und regelmäßig für Streit gesorgt hatte. Ist das eine Ironie der Managementgeschichte und/oder schlicht eine rationale Form der Selbstbereicherung?

Dass eine extensive Incentivierung problematisch ist, liegt auf der Hand. Nur ein Beispiel: Die Deutsche Bank hat in den letzten drei Jahren 8 Milliarden Euro an Boni ausgeschüttet. Wie man weiß, ist das ein Vielfaches der Dividenden auf das Kapital, das dem Management zur nützlichen Verwendung und zu seiner Vermehrung anvertraut wurde. Der Leitspruch Passion for Performance hat sich in eine "Passion", eine Leidensgeschichte für die Aktionäre verwandelt. Für Banker, Trader, Anwälte, Berater wurde das ehemals höchst reputierliche Bankinstitut zur Plattform für abschöpfende Machenschaften, vor allem in London und New York.

Die schädlichen Folgen sind nicht zu übersehen. (Betriebs-) Gemeinschaften und Gemeinschaftssinn werden durch komplexe, intransparente Incentive-Systeme ausgehöhlt. Risse im Sozialgefüge werden wissend und billigend in Kauf genommen. In den letzen 30 Jahren haben sich in den USA die Einkommen der Arbeiter um 10 Prozent erhöht. Die Vergütung der CEOs dagegen ist um das Zehnfache, somit um 1000 Prozent, gestiegen. Der Öffentlichkeit blieb verborgen, dass das Ganze noch von vielen Haftungsausschlüssen und stark gestiegenen D&O-Prämien (Managementhaftpflicht) begleitetet war. Hinzu kommen Fringe Benefits, viele Zusatzleistungen für das Top-Management, vor allem die weitgehend unbekannten außerordentlichen Pensionszusagen und prestigeträchtigen Reisemodalitäten.

Um den Gesamtaufwand für die Unternehmensspitze zu vervollständigen, sind die insbesondere in Deutschland überaus üppigen Ausgaben für Beratung zu Strategie, Incentivierung, Compliance und andere Führungsaufgaben einzubeziehen. Fasst man alle diesbezüglichen Kosten, direkte und indirekte zusammen, summiert sich der Aufwand im Falle von VW (wo es besonders ins Auge sticht, aber beileibe nicht die Ausnahme ist) auf das nahezu Zehnfache von dem, was Toyota für seine Führungsspitze aufwendet; wohlgemerkt bei einer miserablen Performanz.

Und nicht zu vergessen ist noch ein immer häufiger ausgelöster Automatismus: Ein Gutteil des Gewinns wird für Aktienrückkäufe verwendet, was die Bonifizierung anhebt.
Die Vorteilsformel heißt vereinfacht, zugegeben etwas undifferenziert: Bei minimalem Risiko maximal abschöpfen. Alles in allem haben wir es mit einer Kontraindikation zu unternehmerischem Handeln zu tun. In der Tat: Die Entwicklung der Managementgehälter darf bei minimalem Risiko, von Skandinavien und Japan abgesehen, als moralische Verlotterung, durchaus als skandalös gewertet werden. Das Argument, dass alles seine Richtigkeit habe, weil die anderen es auch so handhaben, ist fadenscheinig.

Eine Korrektur ist überfällig; sie wird kommen müssen. In Großbritannien will Theresa May einen Anfang machen. In den USA hat sich im Wahlkampf der President-elect über exzessive Managergehälter mokiert. Ob es Folgen hat, wissen wir noch nicht. Hierzulande, im Lande der Paritätischen Mitbestimmung und der Gerechtigkeitsdebatten wurde dazu viel und von vielen gesagt. Die Hauptverantwortlichen, Aufsichtsräte, Gewerkschaftler und Vorstände, hüllten sich fast ausnahmslos vornehm in Schweigen. Getan hat sich praktisch nichts.

Politiker und Manager sollten sich jedoch fragen: Wie stünden die DAX-Unternehmen – die DB, VW und andere – da, wenn es in den letzten zehn, zwanzig Jahren (nur) eine "ordentliche", nicht bonifizierte Vergütung gegeben hätte? Und auch noch: Sind hoch incentivierte Top-Manager zufriedener als andere?

 

Teil 3

Re-Moralisierung ist unverzichtbar – sie muss vielerorts ansetzen.

Der Utilitarismus oder anders gesagt, die ökonomische Verzweckung untergräbt Freiheit und Moral. Friedrich von Hayek formulierte es so: "Sobald die Freiheit als Zweckmäßigkeit behandelt wird, ist ihre fortschreitende Untergrabung und schließlich Zerstörung unvermeidlich."

Dazu noch eine ergänzende historische Erfahrung: Gesunde Unternehmen können auf Dauer nur in einem gesunden Gemeinwesen sich entwickeln und agieren. Eine Gesellschaft wird unzweifelhaft beschädigt, wenn die Mehrzahl der Unternehmen auf Abschöpfung und nicht auf Wertschöpfung gepolt ist. Diese starke Wechselwirkung muss im Auge behalten werden. Darum geht die Re-Moralisierung alle ohne Ausnahme an, aber mit einem höheren Anspruch an alle, die im Dienste der Gesellschaft und von Unternehmen stehen.

Dazu werde ich kurz fünf Maximen als Regulativ in der Ökonomie vorstellen.

Erste Maxime – den Staat betreffend
Der Staat muss dafür sorgen, dass die Ebenbürtigkeit, Gleichheit vor dem Gesetz, Freiheit von Zwang stets gewährleistet sind. Dabei ist darauf zu achten, dass wie es Montesquieu, der Staatstheoretiker der Aufklärung und Vater der modernen Verfassung ausdrückt, "man nicht durch Gesetze regeln soll, was durch die Sitten geregelt werden kann“. Unnötige Gesetze schwächen notwendige starke Gesetze. Die stark gewachsene Gesetzesdetaillierung, die überbordende Legalisierung ist geradezu eine Einladung zu legaler Umgehung, zu Kollusion und ungebührlicher Ausnutzung. Der Staat muss Recht und Wirtschaftsordnung garantieren. Dazu sind angesichts gewachsener Strukturen und der Vielfalt von Regelungstatbeständen die häufig ignorierten Kriterien Relevanz, Einfachheit, Konsequenz heranzuziehen. Für die Meisten ist nämlich einsichtig, dass in einem Dickicht von Gesetzen und Regelungen ein gut funktionierender Staat auf Dauer nicht zu haben ist. Bleiben die Überschreitung von Gesetzen und Missachtung von Regeln ohne schmerzhafte Konsequenz ist das Abgleiten in ungerechte Verhältnisse und in Unordnung vorgezeichnet. Für Manager und Banker ist öffentliche, soziale Missbilligung bzw. ein Ausschluss im Allgemeinen wirksamer als Geldstrafen.

Zweite Maxime – die Unternehmensführung betreffend
Unternehmen brauchen strukturelle, die Leitung betreffende und den Einzelnen einbindende Regulative. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist Überschaubarkeit. Kleine Einheiten sind einfacher zu steuern, ermöglichen ein höheres Maß an Selbstregulierung. Zentralistische, hierarchische Modelle nach dem Muster Deutsche Bank und VW haben demgegenüber ausgedient.

Grundsätzlich ist die strikte Einhaltung des Grundsatzs des Hippokrates, nämlich Primum non nocere (auf gut Deutsch: Zu aller erst keinen Schaden verursachen). Das klingt nach wenig, ist es aber nicht. Denn es verpflichtet, sich immer der möglichen und tatsächlichen Anwendungsfolgen bewusst zu werden und schädlichen Auswirkungen zuvorzukommen und ihnen vorzubeugen Als nächstes: Das Selbstverständnis von Führungskräften muss sich wieder am Dienen ausrichten, nicht am Herrschen und "Verdienen". Vorbild ist und bleibt der "im Dienst Stehende" (auf neudeutsch: Servant Leader). Wenn ein solches Selbstverständnis verinnerlicht und bei der Besetzung von Leitungspositionen eingehalten wird, dann stimmt meist das Weitere.

Der Charakter vor allem von Leitenden muss wieder einen größeren Stellenwert bekommen. Eingedenk der alten englischen Einsicht "Good bankers make good banks", umfasst "gut" immer Fähigkeiten und Charakter. Charakter an der Spitze von Unternehmen muss manifest sein. Wie Wasser, das seitwärts und nach unten fließt, so verhält es sich mit dem Charakter an der Spitze einer Organisation. Peter Drucker, der auch ein großer Moralist und Gesellschaftsbeobachter war, hat es so zusammengefasst: "Wenn es Jemandem an Charakter und Integrität mangelt - sei er noch so sachkundig, so brillant, erfolgreich - er zerstört. Er schädigt Leute, das wertvollste Gut eines jeden Unternehmens." (Das gilt selbstverständlich nicht nur für Unternehmen.)

Zu dem, was zur Managementvergütung bereits gesagt wurde, fehlt noch die Schlussfolgerung: Man kommt nicht umhin, die Incentivierung einzuschränken, besser ganz abzuschaffen. Warum sollten nicht mutige Aufsichtsräte zusammen mit aufrechten Arbeitnehmervertretern damit anfangen? Die mit dem SHV in Mode gekommene Fehlkonstruktion der Incentivierung von Aufsichtsräten hat sich mittlerweise größtenteils erledigt. Überzeugender wäre allerdings gewesen, wenn man nicht gleichzeitig die Festvergütung beträchtlich angehoben hätte.

Weil erfahrungsgemäß regelmäßige Ermahnungen eine beständigere Wirkung als Strafen haben, sollten solche freimütiger eingesetzt werden, sie verlangen selbstredend Courage. Weitere erprobte Wege zur Einhaltung moralischer Grenzen sind der personelle Wechsel in anfälligen Funktionen, das sich Zeigen und Informieren an Ort und Stelle, überhaupt häufige persönliche Kontakte, insbesondere in Zeiten des Internet und des Verlustes der Eigenpersönlichkeit.

Ein Beispiel für das Institut des Ehrbaren Kaufmanns möchte ich noch erwähnen. Ein mir gut bekanntes junges Unternehmen hat sich in seinen Verhaltensgrundsätzen gegenüber Lieferanten dazu verpflichtet, Rechnungen pünktlich zu bezahlen. Das klingt nicht nach etwas Nennenswertem. Aber leider ist es keine Selbstverständlichkeit, sondern bei vielen börsennotierten Unternehmen eher die Ausnahme. Überhaupt können die Großen sich bei Mittelständlern manche gute Praxis abschauen. Das kostet nichts, brächte aber viel und wäre gut für die Moral.

Dritte Maxime – den Einzelnen betreffend
Der oder die Einzelne muss wieder mehr Teil von Gemeinschaften werden. Die früher verbreitete Mitgliedschaft in Vereinen, kirchlichen, beruflichen, ständischen Vereinigungen, Nachbarschaftshilfe und als soziales Engagement ist in jeder Hinsicht wert unterstützt zu werden, und hoch willkommen. Allem voran steht aber die Verankerung in der Familie. Familie und gemeinschaftliches Engagement sorgen für Bodenhaftung, erden, befördern Verantwortung.

Vierte Maxime – die Wirtschaftswissenschaften betreffend
Volkswirtschaft und BWL dürfen die menschliche Seite des Wirtschaftens nicht ausblenden. Vielmehr muss sich die Einsicht durchsetzen, dass Moral für das Funktionieren von Wirtschaft und Gesellschaft substanziell ist und nicht etwa nur akzidenziell. Wer Wirtschaft lehrt oder lernt, sollte sich bewusst sein, dass: "Wer nur Ökonom ist, kein guter Ökonom sein kann." Das ist die abgeklärte Meinung Friedrich von Hayeks, die den Wirtschaftslehrern und –lehrerinnen ein anderes Profil nahelegen.

Fünfte Maxime – unser historisches Erbe betreffend
In einer viel beachteten Studie für das 14. Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas wurde nach den Voraussetzungen für eine gesunde wirtschaftliche Entwicklung des Landes gesucht. Als wesentliche Voraussetzungen wurden die folgenden drei festgemacht: Eigentum als Basis, Recht als Hüterin und Moral als Stütze. Alle drei Säulen sind aus der christlichen, abendländischen Tradition gewachsen. Soviel lässt sich sagen: China steht ein "langer (sehr langer) Marsch" bevor, wenn es dorthin gelangen will. Der erste war bekanntlich der Marsch von Mao, brutal aber vergleichbar kurz. Dass chinesische Führungspersönlichkeiten im Christentum die Kraftquelle und das Substrat westlicher Zivilisation erblicken, ist mehr als bemerkenswert.

Für uns, als Gesellschaft und jeden und jede Einzelne stellt sich ernsthaft die Frage

Denken, handeln und leben wir noch im Einklang mit dieser Erkenntnis – aus dem fernen China?

Es ist an der Zeit, den Einklang wieder herzustellen.

Dazu wollte ich ein paar kritische Beobachtungen vorbringen, einige politisch nicht reingewaschen-gebügelte Anregungen geben – und zuletzt eine Frage an uns alle richten.

Manfred Hoefle, Dezember 2016

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