
Denkzettel sind provokative Kurztexte – aufregend, anregend, informativ – zu einzelnen Facetten des Managerismus
Leisten wir uns den Luxus, eine eigene Meinung zu haben.
Nummer 3
Rat-Schläge oder: Die besten Kapitäne stehen immer an der Pier
Rat-Schläge
oder: Die besten Kapitäne stehen immer an der Pier
Man kennt das aus alten Märchen: Wenn Feinde das Reich bedrohten,
Dürre oder Hungersnot ausbrachen oder die Königstochter in Schwermut verfiel –
kurz: Immer, wenn die Situation prekär wurde, ließ der König seine Ratgeber
kommen und beriet mit ihnen, was zu tun sei.
Die Ratgeber waren unterschiedlichster Herkunft und Profession. Die
Einen lebten am Hofe, andere als Eremiten in der Einsamkeit, wo sie sich in
Selbstversenkung übten. Manche waren religiöse Männer, die eifrig die heiligen
Schriften studiert hatten. Einige, mit seherischer Kraft gesegnet, konnten an
Hand bestimmter Zeichen und Begebenheiten die Z
Märchen kommen selbst in Kinderbüchern heute kaum noch vor,
Königreiche mit unumschränkten Alleinherrschern, Prinzessinnen und Hofstaat
sind ebenfalls so gut wie ausgestorben, aber sie gibt es noch: Berater!
Nur sind es heute nicht mehr ehrwürdige, lebenskluge und in der Sache
kundige, alte, weise Männer mit Erfahrungswissen. Im Gegenteil: In der Regel
sind es jugendliche oder sich betont jugendlich gebende, smarte, dynamische
Analytiker, deren Köpfe vollgestopft sind mit akademischem Fach- und
Methodenwissen. Sie treten forsch auf mit dem Anspruch, jedes Unternehmen
sezieren, Schwachstellen sofort erkennen und nachhaltig ausmerzen zu können.
Ihr Vorgehen ist praktisch immer dasselbe: Sie haben eine Methode, die sie mit
eindrucksvoll klingenden Anglizismen und pseudowissenschaftlichen Begriffen
propagieren. Mit dieser Methode werden die Probleme der Unternehmen in
wissenschaftlich verbrämter Sprache beschrieben, analysiert und evaluiert. Aus
der Evaluation ergibt sich dann ein Maßnahmenkatalog, dessen Umsetzung die
Lösung der Probleme bringen soll.
Und noch einen Unterschied gibt es zu den Beratern, derer die alten
Herrscher und Könige sich bedienten. Diese suchten den Rat der klugen Männer
und holten sie als Ratgeber an den Hof. Den heutigen großen Unternehmen drängen
sich die Consultants nachgeradezu auf. Sie formieren sich in Alumni-Netzwerken
und schicken sich an, die Top-Management-Ebene vieler Unternehmen systematisch
zu durchsetzen. Gewollt ist der schleunige Rollenwechsel vom Berater zum
Vorstand. Von dort kommen auch die l
Dass die schwierigste Aufgabe, nämlich die Umsetzung des
Maßnahmenkatalogs, dem Unternehmen selbst überlassen wird und dass die
vorgeschlagenen Maßnahmen wegen ihrer mangelnden Umsetzbarkeit die Lösung sehr
oft nicht bringen, scheint niemanden zu stören. Auch scheint es nicht
aufzufallen, dass die vorgeschlagenen Maßnahmen zur Lösung der Probleme in der
Regel stets die gleichen sind, nämlich: Umstr
Die smarten Berater, die sich vornehmlich Strategy Consultants nennen
und wie geklont in streng organisierten uniformierten Rudeln auftreten, werden
trotz ihrer alles andere als moderaten Honorarforderungen immer wieder
engagiert. Was noch mehr wundert, ist die Tatsache, dass den Managern in den
Unternehmen, die doch zumeist eine wissenschaftliche Ausbildung genossen haben,
die Fragwürdigkeit der Berater-Methoden nicht aufzufallen scheint. Bekanntlich
lautet in der Wissenschaft das oberste Gebot: Die Methode muss sich dem Problem unterordnen, nicht umgekehrt. Das
heißt: Es ist aus rein pragmatischen Gründen nicht zielführend, die Probleme
eines Unternehmens, das ja, wie allgemein bekannt und immer wieder betont,
einen lebendigen Organismus darstellt, nach einer mehr oder weniger willkürlich
festgelegten, generell angewandten Methode lösen zu wollen. Die Lösung kann nur
in der methodischen Berücksichtigung des jeweils individuellen Problems des
jeweils individuellen Unternehmens mit seiner jeweils individuellen Geschichte,
Struktur und Kultur liegen. Die Consultants, die der Lebens- und
Unternehmenspraxis eher fremd gegenüber stehen, lassen dies souverän außer
Acht. Sie sagen sich: Soll sich doch das Problem gefälligst meiner Methode
anpassen!
Ein guter Berater sollte wie ein Lotse agieren, der, an Erfahrung,
Wissen und Können dem Kapitän gleich, diesem den Kurs durch spezielle
gefährliche Gewässer angibt. Den jungen Consultants fehlt es zumeist sowohl an
Können als auch an Erfahrung. Was sie mitbringen, sind hauptsächlich
theoretische Kenntnisse. Sie sind Leichtmatrosen, die als Kapitän anheuern, und
bestätigen durch ihr Verhalten und ihr Tun den Sinnspruch: „Die besten Kapitäne
stehen immer an der Pier“.
Für den teilnehmenden Beobachter mit gesundem Menschenverstand erhebt
sich die Frage: Warum lassen sich
kompetente Manager – gestandene Männer mit Erfahrung – bei ihren Problemen von
unternehmerisch unerfahrenen Jungakademikern beraten (das
Durchschnittsalter in großen Consultancies wie McKinsey liegt bei 32 Jahren), die
Siriusweiten entfernt sind von Lebensklugheit und Weitsicht, und zahlen auch
noch viel, viel Geld dafür? Oder sind es nur die Manageristen, weil sie
sich selbst mangels Erfahrung und solider Fachkompetenz Entscheidungen von
größerer Tragweite nicht zutrauen oder als Absicherung immer ein Alibi
brauchen?
Freilich, externe Berater können als Sparringspartner und
intellektuelles Korrektiv wichtig und nützlich sein, denn der Blick des
Außenstehenden ist ungetrübt, er ist nicht beeinträchtigt von der Nahsicht
dessen, der mitten im Geschehen steckt. „Am Fuße des Leuchtturms sieht man kein
Licht“ sagt der Volksmund. Mit anderen Worten: Entfernung bringt die Dinge
manchmal näher. Deshalb hat es bei den Mächtigen und Herrschenden immer Berater
gegeben, nur: Jung und smart und
praxisfremd waren sie nicht.
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