Von
Orden sagt man, dass sie verdient, erdient oder erdienert werden. Bei
akademischen Titeln liegt die Sache etwas anders. Sie werden entweder
als Nachweis des ordnungsgemäßen Abschlusses eines
Fachstudiums erworben oder ehrenhalber – honoris causa
– von einer Universität oder Hochschule verliehen. Mit der
Verleihung eines solchen Titels sollen die Verdienste in und um ein
bestimmtes Fachgebiet, die sich jemand außerhalb der
Wissenschaftswelt erworben hat – nicht selten ein ganzes
Lebenswerk eines Pioniers oder Förderers der Wissenschaften
–, anerkennt und gewürdigt werden. Es geht hier um das
Verdienst, der Verdienst spielt dabei keine Rolle.
Im
Gegensatz zu einem Orden kann man sich aber einen solchen Titel weder
erdienen noch erdienern. Wegen des Selbstverständnisses der
Universitäten und Hochschulen als autonome Institutionen und ihres
Ideals der selbstbestimmten, freien Forschung und Lehre sind sie streng
auf ihre Unabhängigkeit bedacht und verwahren sich gegen jede
Einflussnahme von außen.
Anders
als in den USA, wo Privatpersonen wie Unternehmen offen als Sponsoren
und Förderer von Universitäten auftreten, galt in Deutschland
traditionell eine Finanzierung der Universitäten durch
Industrieunternehmen in Form von Stiftungslehrstühlen und
Projektfinanzierung als anstößig. In der heutigen Zeit, in
der ein Lehrstuhlinhaber und Institutsleiter am schnellsten zu
Einfluss, Macht und Ehrungen kommt, wenn er möglichst viele
Drittmittel einwirbt, hat sich die Situation grundlegend
verändert. Im Verhältnis von Universitäten und
Hochschulen zur Industrie herrscht auch bei uns seit einiger Zeit das do ut des-Prinzip
(ich gebe, damit du gibst). Im Zuge der Amerikanisierung auch unseres
Geisteslebens ist bei Universitäten und Hochschulen die
Schamgrenze deutlich gesunken.
Als
Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst, Kriege führen
wollte, aber kein Geld hatte, seine Offiziere zu bezahlen, entlohnte er
ihre Kriegsdienste, indem er ihnen Adelstitel verlieh (weshalb es noch
heute in den ehemals preußischen Gebieten eine auffallend
große Zahl von niederen Adelsfamilien gibt).
Die
Universitäten und Hochschulen, heute im gleichen Dilemma steckend
– sie müssen forschen und lehren, haben aber nicht
genügend Geld dafür –, tun das Gleiche: Sie lassen sich
Projekte und Kooperationsprogramme finanzieren und Lehrstühle
stiften – das heißt Professorenstellen und Institute
bezahlen – und verleihen als Gegengabe akademische Ehrentitel.
Das ist plausibel und probat. Verwunderlich ist dabei nur, wie viele
„Männer aus der Wirtschaft“ um die Gunst der
Universitäten buhlen, um einen Doktor- oder Professorentitel h.c.
zu erhalten. Die Tatsache, dass auch Professorentitel längst nicht
mehr das sind, was sie einmal waren, weil der Professorentitel in den
letzten Jahrzehnten eine Inflation und damit einen entsprechenden
Kursverfall erlebt hat, scheint sie nicht abzuhalten.
Einen
Professorentitel zu erwerben war früher mühselig und
zeitraubend. Man musste zunächst promovieren, dann mehrere Jahre
als wissenschaftlicher Assistent Kärrnerdienste leisten und eine
Habilitationsschrift verfassen, die mindestens als Nachweis
außergewöhnlichen wissenschaftlichen Fleißes gelten
konnte. Heute kann z.B. ein Designer oder Fotograf sogar ohne Abitur
mit etwas Glück und Geschick Professor werden. Professor ist heute
in vielen Fällen kein erworbener Titel mehr, sondern eine
zugewiesene Berufsbezeichnung. Ungeachtet dessen ist das begierige
Streben nach einem solchen Titel, klinisch als Titulomanie bezeichnet,
unter heutigen Manageristen auffällig stark verbreitet.
Früheren
Top-Managern z.B. von Siemens, Bosch, Mercedes oder Krupp wäre es
niemals eingefallen, sich den Universitäten und Hochschulen
anzudienen, um eventuell einen Professorentitel verliehen zu bekommen.
Ein Josef Abs – er buchstabierte seinen Namen bekanntlich mit A
wie Abs, B wie Abs, S wie Abs und pflegte auf die Frage, ob er Vorstand
sei, zu antworten: „Ich bin kein Vorstand, ich ernenne
welche!“ –, ein Oetker oder ein Mohn (Bertelsmann), um drei
„Große“ zu nennen, begnügen sich mit ihrem
einfachen Familiennamen, obwohl sie zahlreiche Ehrentitel besitzen. Die
früheren Siemens-Chefs fügten allenfalls ein Dr.Ing. e.h.
ihrem erworbenen Doktortitel hinzu. Das war’s. Sie wollten nicht
Professor sein und nicht etwas anderes als was sie waren. Es wäre
ihnen nachgeradezu ungehörig vorgekommen, sich mit einem
Professorentitel zu brüsten. Sie hatten es einfach nicht
nötig.
Die
Titelsucht der heutigen Manageristen erklärt sich auf gleiche
Weise: Sie haben es nötig! Man kann das auch in anderen
Fällen – Adelsfamilien oder andere gesellschaftliche
Gruppierungen, Institutionen und Gemeinschaften – beobachten:
Wenn die Substanz brüchig wird und schwindet, werden die
Äußerlichkeiten, die Formen überbetont.
Die
Manager alten Schlages fühlten sich dem Unternehmen, dessen
Geschicke in ihren Händen lagen, verpflichtet. Sein Wohl zu
sichern und zu mehren, betrachteten sie als ihre vornehmste Aufgabe.
Sie betrachteten sich mehr als Dienende denn als Herrschende. Sie
wussten, wer sie waren, sie hatten Identität, Kultur und
Selbstsicherheit und waren auf Professoren- und Ehrendoktortitel als
Statussymbole nicht angewiesen. Die Manageristen dagegen brauchen diese
Persönlichkeitsprothesen und Identitätskrücken, um
„jemand zu sein“. Dabei weiß jeder, dass eine Person,
ein „Jemand“, nicht von außen aufgebaut werden kann,
sondern von innen, von der Substanz her wachsen und reifen muss. Bei
dem suchtartigen Bestreben der Manageristen, einen Professoren- oder
Doktortitel (ehrenhalber) zu ergattern, setzen sie nicht nur einen
beträchtlichen Teil ihrer Arbeitszeit ein, der eigentlich den
Interessen des Unternehmens dienen sollte, es fließen in der
Regel auch reichlich Gelder an die Universitäten und Hochschulen
aus der Kasse des Unternehmen, über die sie verfügen.
Wenn
z.B. ein Herr Feldmayer, der sich – anerkanntermaßen
verdienstvoll – vom Siemens-Stammhauslehrling zum Vorstand
hocharbeitete, von der TU Berlin trotz des Einwurfs, dass er keinen
akademischen Abschluss habe, mit einem Professorentitel bedacht wurde,
oder ein Herr Mirow, langjähriger
„Unternehmenstheoretiker“ bei Siemens, dort
Honorarprofessor wurde, nachdem die Siemens AG an der TU Berlin ein
„Center of Knowledge Interchange“ eingerichtet und
finanziert hatte, sagen sich die Berliner: „Nachtigall, ick
hör dir trapsen“. Und wenn ein Herr Radomski mit dem
gleichen Karriereweg vom Siemens-Stammhauslehrling zum Zentralvorstand,
der auch selber keinen Doktortitel erworben hat, sich einen
Dr.rer.publ. und einen Dr.techn.h.c. verleihen ließ und fast noch
einen dritten Ehren-Dr. med. der Universität Greifswald erhalten
hätte, bei der zeitgleich ein umfangreiches Kooperationsabkommen
mit der Siemens AG abgeschlossen wurde – eine mögliche
Verwicklung in den AUB-Korruptionsfall bei Siemens kam dazwischen
–, dann weiß man: diese Nachtigall hat Nagelschuhe an.
Solche
Beispiele lassen sich beliebig mehren. Auch die TU München, mit
der es ebenfalls ein umfassendes Kooperationsprogramm mit der Siemens
AG gab, geizte nicht mit akademischen Ehrentiteln für
Siemens-Manager. Nutznießer waren in diesem Fall ein Herr
Pribilla, ein Herr Krubasik und ein Herr Ganswindt. Im Klartext: Auch
hier flossen Gelder aus der Siemens-Kasse zum Erwerb von akademischen
Ehrentiteln. Im Jahr 2004 gab es im Siemens-Vorstand eine so
auffällige Dichte von Managern mit Professorentiteln, dass auf der
Hauptversammlung der Begriff „Professorenkollegium“ fiel.
Bedauerlicherweise hat diese geballte akademische Weisheit
(ehrenhalber) den moralischen, kulturellen und unternehmerischen
Niedergang der Siemens AG nicht aufzuhalten vermocht.
Das
Verhalten der titelsüchtigen Manageristen ist dazu noch
schizophren. In ihrem ganzen sonstigen Verhalten folgen sie einem
Wertekanon, der absolut der amerikanischen Vorstellung eines
„toughen“ Businessman entspricht: Erfolgsstreben,
Durchsetzungsvermögen bis zur Hemdsärmeligkeit, Gehälter
und Abfindungen nahe oder jenseits der Schamgrenze, wenig
Loyalität und Verantwortungsgefühl gegenüber ihren
Unternehmen und deren Mitarbeitern, Fehlen menschlicher und sozialer
Skrupel und was dergleichen Charakteristika des typischen Managers
„american style“ mehr sind. Nur im Hinblick auf den Erwerb
von akademischen Ehrentiteln, die im amerikanischen Geschäftsleben
so gut wie kein erstrebenswertes Ziel darstellen, orientieren sie sich
am alten europäischen Prestigedenken: ein akademischer Titel muss
her!
Bei
näherem Hinsehen fällt auf, dass nicht wenige dieser
Ehrenakademiker das „e.h.“ hinter ihren Titeln bald
weglassen. Entweder ein Zeichen präseniler Vergesslichkeit oder
unlauteren Charakters, beides nicht gerade Qualitäten, die einen
Vorstand oder Manager in hoher Position auszeichnen. Ein Herr Volker
Jung erschien im Google-Eintrag als Dr.eng., was bei Journalisten, die
ihn zitieren wollten, immer wieder zu Nachfragen führte, weil sie
es für einen Schreibfehler hielten. Die Erklärung: Nach
längerer Suche fand sich schließlich eine University in
Florida, und weil es eine Auszeichnung auf technischem Gebiet sein
sollte, machte man einen Dr.eng. (= engineer) daraus, ein Titel, den es
so im amerikanischen Sprachgebrauch gar nicht gibt. Der Titelsucht
dieses Herrn stand das aber nicht entgegen. Im Industrieanzeiger vom
Juli 2008 las sich die Unterschrift zu seiner Personalie: Dr. Volker
Jung. Das Gleiche war schon in den Mitteilungen der Technischen
Universität München vom März 2004 der Fall gewesen. So
wird auf unehrenhafte Weise aus einem „Dr. ehrenhalber“
schnell ein „richtiger“ Doktor, ein Taschenspielertrick
oder eine Rosstäuscherei, die auch andere Manageristen
beherrschen.
Der
Unternehmensbereich Kommunikationstechnik der Siemens AG,
Aushängeschild und Erfolgsgrundlage seit Gründung, ging
während der selbstherrlichen Betreuung durch Herrn Jung auf
Talfahrt und ist heute in andere Hände übergegangen (aus
vormals Siemens & Halske und dann Siemens Com wurde Nokia Siemens
Networks); die industrielle Führung wanderte zu Nokia ab.
Geblieben ist der Doktortitel des Manageristen Jung.
Die
titelsüchtigen Manageristen in den Unternehmen befinden sich in
der heutigen deutschen Wirtschaft in guter Gesellschaft. Die
Unternehmensberater, derer sie sich bedienen und die sie mit
hochdotierten Aufträgen versehen, leiden ebenso auffällig an
Titulomanie. Herbert Henzler, Deutschland- und schließlich
Europa-Chef von McKinsey, war mit Mirow, dem bei Siemens eine wichtige
Auftragsvermittlerrolle für McKinsey nachgesagt wurde,
Honorarprofessor der LMU für „Strategie- und
Organisationsberatung“. Utz Claassen, Ex-McKinsey-Mann und
EnBW-Chef mit großer Nähe zur Politik, insbesondere zum
damaligen Bundeskanzler Schröder, mit ausgeprägtem Sinn
für Ego- und Imagepflege (lt. Wikipedia und Handelsblatt
beschäftigt er zeitweise bis zu 20 PR-Berater) erhielt sogar eine
„richtige“ Professur an der Uni Hannover.
Was ist die Ursache dieser Psychopathologie im Wirtschaftsleben?
Diese
psychische Störung wurzelt in zwei Bereichen. Bei den Manageristen
in den Unternehmen lässt sie sich auf Eitelkeit,
Kompensationsbedürfnis auf Grund von Minderwertigkeitskomplexen
und personaler Schwäche zurückführen oder einfach mit
typischem Parvenü-Verhalten erklären. Bei den Consultants
wiederum kommt zum Motiv der Eitelkeit und Kompensation noch ein
anderes Moment hinzu: die kalkulierte Imagepflege. Weil die gesamte
Consultant-Branche, was die Solidität und Integrität ihrer
Arbeitsweise und Leistungen betrifft, nicht den besten Ruf
genießt und in letzter Zeit immer mehr ins Gerede kommt, ist es
für einen Consultant aus psycho-strategischen Imagegründen
sehr wichtig und nützlich, sich ein Mäntelchen von
Ehrenhaftigkeit, pro bono-Tätigkeit, wissenschaftlicher Kompetenz
und Zuverlässigkeit umzuhängen. Das schlägt z.B. bei der
Jagd nach lukrativen Beratungsaufträgen der öffentlichen Hand
direkt zu Buche.
Während
Manageristen wie die Herren Krubasik (ex-McKinsey, dann Siemens
Zentralvorstand), Radomski & Co. von Rechts wegen dem Unternehmen
Siemens leicht 10% ihres Gehaltes zurückerstatten müssten als
Ausgleich für die Zeit, die sie für die Befriedigung ihrer
Titelsucht aufwendeten (vom dafür eingesetzten Siemens-Geld ganz
zu schweigen), erweisen sich diese Praktiken in der Consulting-Branche
als absichtsvoll investiertes Kapital, das seinen ROI bringt.
Grundsätzlich
gilt für alle Titolomanen unter den Manageristen das Gleiche, was
man früher, als man die Frau eines Herrn Doktor noch mit
„Frau Doktor“ anzureden pflegte, einer Studentin sagte:
Entweder du machst einen Doktor oder du heiratest einen. Will sagen:
Entweder man erwirbt einen Doktor- oder Professorentitel durch ein
ordentliches Studium oder man erkauft sich einen – am besten mit
anderer Leute Geld.
Übrigens:
Es werden immer noch akademische Ehrentitel auch für
tatsächliche Verdienste verliehen – wirklich ehrenhalber.
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