Die
Klagen, dass Führungskräfte sich arrogant und
autoritär verhalten, mechanistisch denken und
ausschließlich Nützlichkeitsüberlegungen
gelten lassen, sind bekannt; solche Führungskräfte
sind im „besten Sinne“ Manageristen! Doch wie wird
man zum Manageristen? Die Sozialisation dazu beginnt häufig
schon im Betriebswirtschafts- oder Ingenieursstudium an der Hochschule.
Die
irritierende Antwort eines Ingenieurstudenten auf die Frage:
„Warum fällt bei der Besetzung von
Vorgesetztenpositionen häufig die Wahl auf einen Kollegen aus
einer anderen Abteilung und nicht auf einen Mitarbeiter aus dem
Team?“ lautet „Weil der seine Befehle besser
durchsetzen kann.“
Schnoddrige
Antwort eines Studenten, nachdem er zum zweiten Mal eine schriftliche
Ausarbeitung zurück erhielt, weil sie 1:1 aus dem Internet
kopiert war: „Das machen doch alle so. Nennen Sie mir eine
Führungskraft, die nicht abschreibt!“
Die Feststellung eines Studenten am ersten Praktikumstag in einer
kleinen mittelständischen Firma, nachdem ihm gesagt wurde, er
solle mit Herrn X ins Lager gehen: „Das Lager bietet keine
studienrelevanten Inhalte!“
Eine
häufige Bemerkung auf Evaluierungsbögen:
„Die Inhalte der Veranstaltung sind für die
spätere Karriere nicht relevant!“
Diese
Antworten mögen nicht repräsentativ sein, doch sie
machen nachdenklich, geben sie doch überspannte Erwartungen
und die manageristische Einstellung Studierender wieder, also jener
Personen, die in 10 bis 15 Jahren voraussichtlich
Führungspositionen in unserer Wirtschaft bekleiden werden.
Immer mehr gibt der Arbeitsmarkt die spezifischen Qualifikationen vor,
die gebraucht werden, und die Hochschulen beeilen sich, diese zu
liefern. Die Folge: Sie müssen in sehr komprimierter Form
spezifisches Wissen kompakt und zügig vermitteln und dabei von
ihrem früheren Anspruch, nicht nur eine Ausbildungs-, sondern
auch eine Bildungsstätte zu sein, weit abrücken.
Mit
der Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge
– die auch auf Betreiben der Wirtschaft eingeführt
wurden, um die Studienzeiten zu verkürzen –
verstärkte sich das Nützlichkeitsdenken an den
Hochschulen; einem unheilvollen Utilitarismus, der der akademischen
Welt früher eher fremd war, wurden die Tore weit
geöffnet. Neben der positiv zu wertenden Anbindung an aktuelle
technologische Entwicklungen werden die Studierenden im Gegenzug zu
„bloßen“ Fachkräften
ausgebildet, die sich an der Nachfrage der Unternehmen orientieren. Mag
die Hochschulreform – das schnelle Durchschleusen von
Studierenden durch eine technische oder betriebswirtschaftliche
Ausbildung – kurzfristig Erfolg haben, indem sie einem seit
Jahren absehbaren Fachkräftemangel entgegenwirkt, so bildet
sie durch das sehr spezialisierte Studium doch auch das Fundament jener
Strukturen, aus dem mittel- und langfristige Katastrophen entstehen.
Aus
diesem Hochschulwesen kann kaum noch etwas Neues entstehen.
In
einem so optimierten Studienalltag sind – genau wie in den
rekrutierenden Unternehmen – schnelle, oft nur kurzfristige
Ergebnisse und Problemlösungen gefragt: ein Bewusstsein, das
in den Köpfen der Student/inn/en immer mehr Raum einnimmt.
Kurzfristiges Denken und Nützlichkeitsstreben
verschränken sich. Dazu passt die Feststellung des Konstanzer
Hochschulforschers Tino Bargel, dass „…alternative
Ideen und Lebensformen unter Studierenden heute wenig gefragt sind und
die Student/innenschaft deutlich weniger vielfältig ist als
noch in den 1980er Jahren“.
Viele
der Studierenden haben heute ihre Karriere bereits fest im Blick. Im
Hochschulalltag zeigen sie sich sehr angepasst, einem offenen Disput
oder kritischen Zwiegespräch gehen sie eher aus dem Weg. Die
pragmatische Orientierung und die Werbemaschinerie der Wirtschaft
verleiten sie dazu, den schmeichelnden Klängen der
Job-Börsen zu erliegen und sich bisweilen schon im Studium auf
der ersten Stufe zur Vorstandsetage zu sehen. Unterstützt wird
diese Illusion durch Professoren und
Dozenten, die die Botschaft von Karriere und
„Führungskräften von morgen“ an
ihre Student/inn/en weitergeben und damit ihren eigenen Stellenwert
erhöhen. Eine unheilvolle Entwicklung nimmt ihren Lauf, da den
Studierenden kaum mehr vermittelt wird, was sie im späteren
Berufsleben „wirklich“ erwartet. Falsche
Versprechungen und überspannte Erwartungen lassen Studierende
– besonders an technischen und betriebswirtschaftlichen
Fakultäten – tatsächlich glauben, dass sie
die Elite von morgen sind. Entsprechendes Verhalten inklusive!
Das
Bewusstsein, dass die Arbeitswelt ein Zusammenspiel von Menschen
unterschiedlichster Herkunft und Bildung, unterschiedlichen Alters und
verschiedenster Kompetenzen ist, rückt bei den Studierenden
zunehmend in den Hintergrund. So fehlt ihnen dann als
Berufsanfängern Zurückhaltung und Bescheidenheit, oft
gefolgt von der bitteren Erkenntnis, dass ihnen ihr exzellentes
Technikstudium nicht hilft, wenn sie einen 60jährigen Meister
seines Fachs vor den Kopf stoßen oder die 35jährige
erfahrene Sekretärin von oben herab behandeln.
Zwar
sollte die hier eingeforderte soziale Kompetenz bereits im Elternhaus
und in der Schule vermittelt werden, aber die Hochschule ist nicht
außen vor, schließlich ist sie die Institution,
welche die Studierenden in die Arbeitwelt entlässt und ihnen
das Wissen an die Hand gibt, das ihnen eine spätere Karriere
ermöglichen soll. Die an der Hochschule Lehrenden haben daher
eine Vorbildfunktion, ihre Verantwortung geht über die reine
Vermittlung fachlichen Wissens hinaus.
Die
Feststellung von Max Horkheimer bei der Rektorenkonferenz im Juli 1953
hat auch heute noch Gültigkeit: „Es ist an
uns…dass das Bewusstsein derer, für die wir die
Verantwortung tragen, weiter reiche als ein Zustand, der uns allesamt
in Funktionäre verwandeln möchte… Was wir
unseren Studenten übermitteln können, damit sie nicht
die Vernunft verraten, das ist keineswegs bloß rational. Wir
können ihnen nicht beweisen, warum sie sich nicht zu
Angestellten machen lassen sollen, während alles zu ihrer
Eingliederung verschworen scheint. Aber wir können ihnen das
Bild einer Existenz von Menschen geben, die von dem anderen, das
abstrakt sich nicht benennen lässt, nicht ablassen: das Bild
von Menschen, die nicht immer gewitzigter werden, um am Ende
bloß zu verdummen.“
Angehenden
fähigen Führungskräften –
Manager/inne/n im positiven Sinne – muss bereits in ihrer
Ausbildung und damit auch und besonders an der Hochschule
verantwortliches Handeln und Agieren vermittelt und vorgelebt werden.
Für diesen Prozess ist es wenig hilfreich, wenn Professoren
und Dozenten äußerst berechnend ihre Studierenden
nutzen, um auf einfache Weise ihre eigenen
Veröffentlichungslisten zu verlängern, indem sie ohne
Nachfrage aus Diplom-, Praktikums- und Doktorarbeiten abschreiben.
Ebenso stellt sich die Frage: Welche Botschaft kommt bei Studierenden
an, wenn Professoren klar zum Ausdruck bringen, dass „banale
Vorgaben“ der Hochschulverwaltung (Parkplatzregeln usw.) nur
für Studierende und „unteren Chargen“
gelten?
Die
Hochschulen sind angehalten, auch in Zeiten von Credit Points, Modulen,
Globalisierung den Studierenden ins Bewusstsein zu rufen, dass ein
Studium nicht nur wirtschaftliche Vorteile bringt und
gesellschaftlichen Aufstieg ermöglicht, sondern dass sie damit
auch „…Mittel an die Hand (bekommen), durch die
man im gegenwärtigen Leben vorwärts kommen kann, ja,
sogar an hervorragenden Stellen der Gesellschaft andere
vorwärts bringen kann.“
(Horkheimer, 1952)
Der
Gedanke, dass ein Studium nicht nur die Grundlage zur eigenen Karriere
sein kann, sondern auch eine Chance – vielleicht gar
Verpflichtung –, andere Menschen zu fördern, kommt
im Gerede um Karriere, Talente und Aufstiegschancen viel zu kurz!
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