In seinem Büro
erreicht man ihn praktisch nie. Heute
ist er in Tokio, morgen in New York, übermorgen in
Shanghai
und danach in Moskau oder Helsinki. Vom heimischen Flughafen
fährt
er gleich ins Büro, ist aber nicht zu sprechen, weil
er
mehrere Meetings in verschiedenen Abteilungen hat und zwischendurch ins
Headquarter zur Vorstandspräsentation muss. Nur wenn man sich
als
Journalist ausgibt, der ein Interview mit ihm machen möchte,
hat
man eine Chance, denn für einen Medienauftritt hat er immer
Zeit.
Dazu drängt ihn schon sein persönlicher
Imageberater.
Aha, denkt man, das ist also auch einer von denen. Von denen,
die
einen überfüllten Terminkalender mit einem
erfüllten
Leben verwechseln und als Opfer ihrer mangelnden Sprachkenntnis unter
ständigem Termindruck durch die Welt jetten: Figaro hier,
Figaro
dort, Figaro da, Figaro fort. Mangelnde Sprachkenntnis insofern, als
sie offenbar Dynamik mit Tempo übersetzen und sich verhalten
wie
„der Marlon Brando mit seiner Maschin‘“
in Helmut
Qualtingers Couplet „Der Halbwilde“, der sagt:
„I hab
zwar ka Ahnung wo i hi fuar, aber dafür bin i
g‘schwinder durt“.
Dabei hat
Dynamik mit Tempo und Beschleunigung oder gar Hektik nichts zu tun. Dynamisch
als Gegenbegriff zu statisch bedeutet: beweglich – und zwar
im
Kopf, also mental und geistig beweglich – im Gegensatz zu
statisch und starr. Diese Pseudodynamiker aber handeln nach der Devise
„Vorsprung durch Hektik.“
Von der „großen Kraft des geringen
Tuns“ scheinen
sie noch nie etwas gehört zu haben, und auch die alte
bayerische
Jägerweisheit „Es ist mehr Wild dersessen worden als
wie
derlaufen“ ist ihnen offenbar fremd. Was dem großen
Mystiker Meister Eckhard als höchste Tugend galt, das
„Stillesitzen auf dem Stuhle“, käme ihnen
einer
unzumutbaren Überforderung gleich.
Nein, sie mögen manches können, aber
stillesitzen
können sie nicht. Ihr höchstes Streben ist ganz
deutlich die
Ubiquität. Offensichtlich hat ihnen keiner gesagt, dass
Ubiquität – die Fähigkeit, an mehreren
Orten
gleichzeitig zu sein – auch in unserer mobilen,
globalisierten
Welt eine Eigenschaft ist, die nur dem höchsten Wesen zukommt,
also Gott. Was treibt
sie so um? Unstet
und flüchtig in einem Maße, dass sie weder
für sich
noch für Andere Zeit haben, ja, dass sie Andere nicht einmal
richtig wahrnehmen, geschweige denn ernst nehmen oder gar
Mitgefühl und Mitleid aufbringen. Sie haben einfach keine Zeit
dafür.
Ganz sicher
wissen sie nicht, was es bedeutet, wenn ein Mensch sagt: „Ich
habe keine Zeit“. Wer
das sagt, sagt nämlich: „Ich existiere nicht mehr.
Ich bin
tot.“ Der Mensch wird ja konstituiert durch die zwei
Dimensionen
Zeit und Raum. Fällt eine davon weg, hört er auf zu
existieren. Im kollektiven Bewusstsein ist dieses Wissen noch
vorhanden. Der Volksmund sagt, wenn jemand gestorben ist: „Er
ist
aus der Zeit gefallen“ oder „Er hat das Zeitliche
gesegnet“, was in der Kölner Mundart zu der
eigenartigen,
aber grammatikalisch richtigen Konstruk-tion führt:
„Unser
Omma is dat Zeitliche am segnen.“
Ungeachtet dessen haben die Pseudodynamiker nie Zeit, sondern
immer
dringende Termine. Sie fragen nicht, ob etwas wichtig ist –
oder
nur dringend. Den Unterschied zwischen diesen beiden Attributen
scheinen sie nicht zu kennen und damit wohl auch nicht die
Fähigkeit zu besitzen, Wichtiges von Unwichtigem zu
unterscheiden,
was allgemein als Kriterium für intelligentes Verhalten gilt.
Sie
unterscheiden allenfalls bei ihren dringenden Terminen zwischen Prio 1
und Prio 2.
So
heutig
und modern sich diese Pseudodynamiker auch geben,
bewusstseinsmäßig sind sie Kinder einer vergangenen
Zeit. Als
sich vor mehr als 500 Jahren in Europa das später zum
modernen,
aufgeklärten, erst rationalen, dann zweckrationalen Denken
führende „perspektivische Bewusstsein“
entwickelte,
gehörte zu den wichtigsten und folgenreichsten Geschehnissen
die
Entdeckung der Perspektive durch die Fixierung des Auges und des
Bewusstseins auf das Ziel, auf den „Fluchtpunkt“,
in dem
alle Linien und im übertragenen Sinne alles Streben zusammen
laufen.
Was sich zunächst nur in der Malerei auf der Leinwand
abspielte,
griff bald – weil dahinter eine bewusstseinsbildende Kraft
steckte – auch auf das konkrete Leben der Menschen
über.
Bald zeigte sich: Der „Fluchtpunkt“ trug seinen
Namen zu
Recht, denn er entzog sich jedem Versuch der Annäherung. Die
Folge
war eine ständig wachsende Dynamik, Veränderung und
Unruhe,
die sich in der bis dahin statischen Welt ausbreitete. Nicht von
ungefähr wurde in dieser Zeit die Uhr erfunden, deren
charakteristisches Element die „Unruh“
ist.
Mit der Erfindung der Uhr begann man die Zeit zu
quantifizieren, sie
zu zerstückeln, in messbare Einheiten einzuteilen. Die Folgen
sind
bekannt: Wir kennen heute die Zeit nur noch als Uhrenzeit, als
Lieferfrist und Verfallsdatum. Die Zeit, die ihrer Natur nach eine Qualität
darstellt, rächt sich für diese Vergewaltigung und
Missachtung, indem sie uns als Quantität
ständig davonläuft. So kommt es zu den
Phänomenen, die
unsere Zeit kennzeichnen: Zeitdruck, Zeitnot, Zeitangst –
alles
Folgen des im 16. Jahrhundert entstandenen perspektivischen
Bewusstseins.
Diese Bewusstseinsform wurde durch Einstein und Picasso und
die
anderen geistigen Vorreiter aus den Wissenschaften und Künsten
obsolet und von einer neuen Bewusstseinsform abgelöst. Die
Orientierung gebende Größe und verhaltenssteuernde
Kraft ist
heute das integrale Bewusstsein mit dem „kugeligen
Denken“.
Wer heute unter permanentem Zeitdruck, unter Zeitnot und
Zeitangst lebt, ist in seinem Denken oder, genauer gesagt, in seinem
Bewusstsein von gestern, weil er die Zeit immer noch als
Quantität
behandelt.
So betrachtet
geben die
pseudodynamischen, permanent mobilen und hyperaktiven Manageristen ein
paradoxes Bild ab. Äußerlich repräsentieren
sie mit
ihren Attributen der Mobilität und Ubiquität
– Laptop,
iPhone, Vielfliegerausweis und TurboVan mit Allradantrieb –
den
modernen multitasking-Menschen von heute. Was aber ihre
Bewusstseinshöhe angeht, sind sie passé, weil sie
sich an
einem geistigen Auslaufmodell orientieren. Sie sind alles Andere als
state of the art und geistig nicht auf der Höhe der Zeit, weil
sie
den heute angemessenen Umgang mit der Zeit nicht beherrschen.
ZEIT gehört zu den sogenannten Urwörtern.
Diese
Wörter stammen aus der Zeit, wo noch das Ur-Eine herrschte,
alles
in-eins war und die Dinge noch nicht auseinander gefallen waren. Die
Urwörter sind doppelwertig, sie haben beide
ursprüngliche
Bedeutungspole bewahrt. So gehen die Wörter Höhle und
Helle
auf die gleiche indogermanische Wurzel -kel zurück, das
lateinische deus = Gott ist wurzelgemein mit dem englischen devil =
Teufel, und wenn die Deutschen sich in italienischen Hotels die Finger
verbrühen, weil aus dem Hahn, wo caldo drauf steht,
heißes
Wasser kommt, so liegt das nicht daran, dass die italienischen Klempner
zu dumm sind, um Kalt- und Heißwasser richtig
anzuschließen, sondern es kommt daher, dass das Wort mit der
Ursilbe -cal = Temperatur im Germanischen den Bedeutungspol
„kalt“ angenommen hat und im Italienischen den Pol
„warm“.
Am eindrucksvollsten und überzeugendsten ist das Wort
ALL. Es
bedeutet Überfülle, zur Gänze wie in
allumfassend,
Allmacht oder Weltall, kurz: Es hat sinngemäß die
Bedeutung
von „mehr geht nicht“. Wenn aber ein Kind alles
aufgegessen
hat und der Teller bzw. die Gummibärenschachtel leer ist, dann
sagt es: „Es ist alle“.
Zu diesen doppelwertigen Wörtern gehören
auch die Wörter Muss
und Muße.
Auch sie bildeten einmal eine Einheit. Die ausschließlich vom
perspektivisch-rationalen Bewusstsein geprägten Menschen
kennen,
betonen und überbetonen den einen Pol, das drängende,
zwingende, unerbittliche „Muss“. Der andere Pol,
„die
Muße“, ist ihnen als Komplement nicht bewusst. Sie
kommt
als bedeutsame Größe in ihrem Bewusstsein nicht
vor.
Wenn man jetzt noch bedenkt, dass – wie im
englischen Wort to
muse = „sinnend über etwas nachdenken“
noch erkennbar
– die Muse der Muße verwandt ist, also zu ihr
gehört
und nicht zum Muss, dann wird klar, dass die unter ständigem
Zeitdruck Stehenden, die nur das zwingende, drängende Muss
kennen,
niemals von der Muse geküsst werden – was im
Klartext
heißt: Die
allenthalben
geforderten und dringend notwendigen Innovationen, welcher Art und auf
welchem Gebiet auch immer, sind von diesen Pseudodynamikern nicht zu
erwarten. Innovationen setzen Kreativität, innere Ruhe und
Einfälle voraus, aber nur in einen Kopf und einen Geist, der
offen
ist und nicht bis oben zugestopft mit dringenden Terminen und
Verpflichtungen, kann etwas hineinfallen.
Bei Lichte besehen orientieren sich die dauermobilen,
pseudodynamischen Managerismus-Figaros in ihrem Zeitmanagement und
Verhalten nicht nur an einem geistigen Auslaufmodell, sondern ihr
Verhalten ist im Sinne der heutigen Primärforderung an eine
Führungskraft – kreativ und innovativ zu sein
–
kontraproduktiv, weil in ihrem Wörterbuch bzw. in
ihrem PDA das Wort Muße nicht
vorkommt.
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