Ackermann, Winterkorn und der Neidfaktor

Günter Ogger über die Begrenzung der Manager-Gehälter

Schön, dass jetzt auch Bernd Osterloh seinen Chefs die Bezüge kürzen will. Als ob der Vorsitzende des VW-Betriebsrats dafür der richtige Mann wäre. Betriebsräte als Sittenwächter, das ging, gerade bei VW, schon einmal daneben.

Abgesehen davon: wer hat denn Osterloh bisher daran gehindert, die Vergütungsmodelle der VW-Manager im Aufsichtsrat zu blockieren?

In mitbestimmten Unternehmen, und dazu zählen die 30 Dax-Konzerne einschließlich VW, stellen Beleg- und Gewerkschaften die Hälfte aller Aufsichtsräte. Brav haben die Arbeitnehmer-Vertreter bisher die umstrittenen Millionensaläre ihrer Bosse , über die sie sich, gerne vor Tarifverhandlungen, öffentlich aufzuregen pflegen, abgenickt.

Vielleicht, weil sie im Gegenzug ebenso umstrittene Privilegien genehmigt bekamen: Freistellung von ihren Arbeitspflichten, üppige Spesenetats, freie Benützung von Firmenjets und Dienstagfahrzeugen , Büros mit mehreren Referenten und Sekretärinnen, sowie stolze Tantiemen und Sitzungsgelder. Eine andere Erklärung wäre, dass sie die mitunter komplizierten Vergütungssysteme der Topleute nicht durchschauten. Dann wären sie allerdings mit ihren Mandaten überfordert und sollten die Aufsichtsräte verlassen.

Dass sich die Diskussion um die Höhe der Managergehälter gerade an Osterlohs obersten Chef entzündete, ist kein Zufall. Die 18,3 Millionen EURO, die VW-Lenker Martin Winterkorn fürs Jahr 2011 einstrich, reizten die Neidgefühle von Politikern, Journalisten, Gewerkschaftlern und anderen Geringverdienern derart, dass jetzt ernsthaft über eine Deckelung nachgedacht wird.

Dabei ist Winterkorn keineswegs der Rekordhalter unter den deutschen Managern, denn der inzwischen geschasste Porsche-Pilot Wendelin Wiedeking kassierte in guten Jahren schon mal an die 70 Millionen, allerdings aufgrund einer früh vereinbarten, anfänglich geringen Gewinnbeteiligung. Verglichen mit Wiedeking und anderen Berufskollegen, ist Martin Winterkorn eigentlich unterbezahlt. Seinen Job machte er nämlich so gut, dass der VW-Konzern trotz der weltweit höchsten Stundenlöhne (aufgrund des Haustarifes) einen Rekordgewinn von mehr als 15 Milliarden EURO netto einfuhr und sich anschickt, zum mächtigsten Autobauer der Welt aufzusteigen.

Viele profitierten von der guten Managementleistung des VW-Vorstands: die Belegschaften, die zu ihren üppigen Gehältern noch eine Sonderprämie von 7500 EUR pro Kopf erhielten, die Aktionäre, die sich über Kurgewinne erfreuten, die Kunden, die ein überdurchschnittliches Preis-Leistungs-Verhältnis erwarten durften und der deutsche Fiskus, der aus Wolfsburg satte Steuerzahlungen überwiesen bekam

Traurig sieht dagegen die Bilanz des ausgeschiedenen Deutschbankiers Josef Ackermann aus. Von den vielen Milliarden, die das bedeutendste deutsche Geldinstitut in den vergangenen 10 Jahren verdiente, kam wenig bei Kunden, dem Staat und den Aktionären an. Das meiste griffen sich die Boni-Banker in London und New York. Der Aktienkurs, der schon mal die 100-EURO-Marke tangiert hatte, dümpelt derzeit bei 30 EURO dahin.

Zwar kann Ackermann für sich in Anspruch nehmen, dass er, im Gegensatz zu Commerzbank-Vorsteher Martin Blessing, keine Staatsgelder zur Pleiteabwehr benötigte; das berühmte Victory-Zeichen, das ihm soviel Häme eingebracht hat, aber zeigte er zu Unrecht. Die Hassfigurder Linken ist in Wahrheit kein Sieger, und die 8 Millionen EURO, die ihm sein Aufsichtsrat 2011 genehmigte, hat er wahrlich nicht verdient. Die Deutsche Bank macht zu viele hochriskante Geschäfte, ist äußerst schwach kapitalisiert, verfügt über zu geringe finanziellen Reserven und ist in milliardenteure Prozesse verwickelt.

So ist das mit den Bezügen der teuren Angestellten: Mancher vermeintliche Gierschlund ist eigentlich billig, ein „Master of the Universe" oft sein Geld nicht wert. Dass die Bezüge der Dax-Vorstände zum Politikum wurden und der Staat sich anschickt, Obergrenzen festzulegen, haben sich die Firmenlenker selbst zuzuschreiben. Während sie ihre Belegschaften dezimierten und ihnen netto, nach Abzug von Steuern und Soziallasten, seit 1990 keine nennenswerten Zuwächse zugestanden, griffen sie selbst mit beiden Händen in die Firmenkasse. Bei den 30 Dax-Konzernen erhöhten sich die Vorstandsgehälter im gleichen Zeitraum jedes Jahr um durchschnittlich 10 Prozent.

Tatsächlich waren es noch mehr. Veröffentlicht werden nämlich nur die ausbezahlten Beträge, nicht aber die damit verbundenen „Nebengeräusche" in Form prächtiger Dienstvillen mit lebenslangem Wohnrecht, kostspieliger Versicherungs-Prämien und Rückstellungen für die Altersvorsorge. Und gerade hier langten die Herren Vorstände in den letzten Jahren besonders kräftig zu. Scheidet beispielsweise Daimler-Chef Dieter Zetsche eines Tages aus dem Dienst aus, hat er Anspruch auf Pensionszahlungen von mehr als 20 Millionen EURO, ohne selbst auch nur einen einzigen Cent dafür ausgegeben zu haben. Als ob die Bosse nicht, wie jeder ihrer Untergebenen, selbst für ihre Altserversorgung aufkommen könnten.

Ihre üppige Rundumversorgung hebt die angestellten Firmenlenker weit übers Einkommensniveau eines Bundeskanzlers, Bundespräsidenten oder Ministers hinaus. Obwohl sie für ihre Taten nicht mit eigenem Vermögen haften, also keinerlei materielles Risiko tragen, beanspruchen sie Vergütungen, wie sie sonst nur bei Unternehmern, Millionenerben oder Show- und Sportstars anfallen.

Während aber ein Fußballhero wie Bastian Schweinsteiger seinen Marktwert Samstag für Samstag unter Beweis stellen muß, haben die Firmenlenker viele Stellschrauben, an denen sie drehen können, um Ergebnisse zu schönen oder vorzutäuschen. Fährt Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel der Meute hinterher, sieht das sofort die halbe Welt; trifft hingegen ThyssenKrupp-Vorsteher Ekkehard Schulz eine falsche Entscheidung (zum Bau eines Stahlwerks in Brasilien), so zeigen sich die Folgen erst Jahre später. Zeit genug, sich einen ehrenvollen Abgang zu sichern.

Der Vergleich mit Stars, die dank singulärer Talente ähnlich viel verdienen wie Topmanager, führt in die Irre. Die Stars sind ihr Geld wert – sonst wären die Zuschauer(-hörer) nicht bereit, sie zu bezahlen. Ob Manager, die keineswegs unersetzlich sind, wie Publikumsmagneten entlohnt werden sollen, ist eine Frage, die von den Eigentümern der Unternehmen beantwortet werden muss.

Bei Familienunternehmen ist die Sache einfach: Über die Gehälter der leitenden Angestellten bestimmt der, dem der Laden mehrheitlich gehört. Ist beispielsweise Friede Springer der Meinung, ihr Vorstandschef Mathias Döpfner sei 10 Millionen im Jahr wert, so wird sie ihm diese bewilligen, ohne dass in Berlin ein Politiker, dem der Kurs der Springer-Blätter nicht behagt, dagegen ein Veto einlegen könnte. Die wenigen, von einzelnen Familien bzw. Stiftungen beherrschten DAX-Unternehmen wie BMW, Henkel oder Fresenius zeichnen sich im übrigen gerade dadurch aus, dass sie bei der Vergütung ihrer Vorstände Augenmaß bewahrt haben.

Anders sieht es bei den Publikumsgesellschaften aus, die über keinen „Ankeraktionär" verfügen. Hier können sich die Vorstände ihre Aufsichtsräte nach Belieben aussuchen, und das ist der Kern des Problems. Fast zwangsläufig rekrutieren sie die Räte aus der gleichen Spezies, und da eine Krähe der anderen bekanntlich selten ein Auge aushackt, gedeiht die Kumpanei zu beiderlei Nutzen – und zu Lasten aller anderen.

Viel ist über die mangelnde Kontrolle der Großunternehmen geschrieben worden, geändert hat sich bis heute fast nichts. Nach wie vor wird zu nachlässig geprüft, zeigen die Räte wenig Lust, sich mit den Vorständen, denen sie ihre Posten verdanken, wegen deren Gehaltsforderungen anzulegen. Gab es früher in der Manager-Gilde so etwas wie einen Ehrenkodex, eine stillschweigende Übereinkunft über das, was sich gehört und was nicht, so sind die Dämme inzwischen überall gebrochen.

Aus dem Weg geräumt hatte die Schranken des guten Geschmacks ein Mann, der einst als Grömaz (größter Manager aller Zeiten) gefeiert wurde und der heute als übelster Wertevernichter gilt: Jürgen E. Schrempp, benützte als Daimler-Chef die – fehlgeschlagene – Fusion mit dem US-Rivalen Chrysler, um seine persönlichen Bezüge vom schwäbischen aufs amerikanische Niveau zu liften. Die Bequemlichkeiten des rheinischen Kapitalismus aber, wie die lebenslange Absicherung gegen jegliches Risiko, mochte er keinesfalls aufgeben. Schrempps Beispiel machte schnell Schule in den deutschen Chefetagen. Wo die Kontrolleure nicht aufpassten, sicherten sich die Manager das Beste aus beiden Welten: die deutsche Absicherung und die amerikanischen Spitzengehälter. Vordergründig wurde die Bezahlung ans Erreichen bestimmter Unternehmensziele gekoppelt, in Wahrheit aber gestalteten die Herren Wirtschaftsführer ihre Entlohnung mit Hilfe gewiefter Berater so trickreich, dass sie auch dann noch klotzig verdienten, wenn ihre Firmen rote Zahlen schrieben.

Nun könnte man einwenden, solange es den Unternehmen gut geht, sei die Entlohnung der Topmanager nebensächlich. Ob VW-Chef Martin Winterkorn ein Tausendstel des Jahresgewinns kassiert oder nur ein Zehntausendstel, ist aber nur scheinbar von marginaler Bedeutung. Denn die weithin sichtbare Summe hat Symbolkraft. Im Unternehmen orientieren sich die Führungskräfte an den Bezügen der Spitzenleute. Legen die Vorstandgehälter zu, kommt auf die Firma ein Rattenschwanz an Forderungen zu. Der Exzess frisst sich durch die Hierarchie bis hinunter zum Bandarbeiter und liefert den Gewerkschaften die Partitur fürs Trillerpfeifenkonzert.

Kaum geringer ist die Wirkung nach außen. Hochbezahlte TV-Moderatoren greifen dankbar nach den Zahlen, um in ihren Talkshows quotenträchtig Arme gegen Reiche auszuspielen, vor den Bank-Portalen machen sich Okkupisten breit, im Feuilleton der Tageszeitungen erscheinen gelehrte Abhandlungen über das Ende des Kapitalismus und in den Parlamenten wettern die Linken gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt.

Ja, schon um des sozialen Friedens willen gehören die Vorstandsgehälter gedeckelt. Der Gesetzgeber ist gefordert, denn eine freiwillige Selbstbeschränkung ist von den Herren Managern nicht zu erwarten. Bekanntlich hat das schon bei der Corporate Governance nicht funktioniert. Die Regulierung sollte sich allerdings auf börsennotierte Unternehmen beschränken, bei denen der Streubesitz mehr als 50 Prozent ausmacht. Die Parameter, an denen sich die Bezüge orientieren, sollten außerhalb der Reichweite der Vorstände liegen, da sonst die Gefahr manipulierter Zahlen besteht.

Ein solcher Bezugspunkt könnte beispielsweise das Gehalt des jeweiligen Regierungschefs der Bundesrepublik Deutschland sein. Dann kann man darüber streiten, ob das Fünf- oder Zehnfache des Kanzler-Gehalts ein angemessener Gegenwert für die Leistungen unserer Wirtschaftslenker wäre.

Wer damit nicht zufrieden ist, kann sich ja in den USA bewerben. Außer Klaus Kleinfeld, dem ehemaligen Siemens-Chef, hatte allerdings noch keiner Erfolg damit. Im Übrigen wäre es keine schlechte Idee, die Herren Manager, die gerne am Unternehmenserfolg partizipieren wollen, auch am Misserfolg teilhaben zu lassen. Für Verlustjahre gibt es Maluspunkte, für sinkende Aktienkurse Abzüge vom Gehalt.

Um die Qualität der Unternehmensführung muß man sich auch bei gedeckelten Bezügen keine Sorgen zu machen, denn wirklich gute Manager arbeiten bekanntlich nicht des Geldes wegen, sondern weil sie das Spiel, das sie so gut beherrschen, gewinnen wollen. Wie sagte schon Hans L. Merkle, der einstige Gottvater von Bosch: „600 000 Mark im Jahr sind genug, denn mehr braucht keiner zum Leben".

 

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