ERLÄUTERUNG
Managerismus
leitet sich selbstredend von Manager
als Beruf /Funktion ab, verweist aber auf seine Deformation. In der
Wirtschaft zeigt sich die Deformation in der Art, wie geplant,
gesteuert, mit Leuten umgegangen, Verantwortung gehandhabt, entlohnt
wird, Ressourcen gemanagt, Unternehmen kontrolliert werden.
Die deformierte Form des
Managements wird im
Verhalten Einzelner oder von Gruppierungen offenbar. Zugrunde liegen
ein egozentrisches Verhalten, das Anbiedern an den Kapitalmarkt, der
Hang zu Analysen, planwirtschaftlichen Prozessen und
bürokratischen Systemen, Scheinprofessionalität,
Abhängigkeit von Beratern, Distanz zu Menschen, Gemeinschaft
und
Werten. Gefördert wird dies durch Gruppendruck und falsche
finanzielle Anreize.
Managerismus
steht im Gegensatz zu
Unternehmertum und guter Unternehmensführung. Für
solche, die
ihn praktizieren, sollte die Bezeichnung Managerist,
auch zur Unterscheidung zu guten Managern, Eingang finden.
Die wesentlichen Unterschiede sind nachfolgend
gegenüber gestellt.
| Managerismus |
|
Unternehmertum |
Angestellter, Verwalter
Keine / geringe Kapitalbeteiligung |
Status |
Eigentümer/ Miteigentümer |
Risikoscheu /
Extrem Risikofreudig
Geringes Job-Risiko (Abfindung)
Kein / geringes Gehaltsrisiko |
Risiko |
Risikobewusst
Angemessene Beteiligung
Totalverlust möglich |
Keine D&O-Versicherung
(ohne/ mit Selbstbehalt) |
Haftung |
Unbeschränkt |
Kapitalmarkt
Hohes Wachstum / große Marktmacht
Kurzfristig |
Orientierung |
Kunden/Mitarbeiter
Organisches Wachstum
Überlebensfähigkeit
Langfristig |
| Mitarbeiter als Planungsgruppe |
Mitarbeiterbezug |
Mitarbeiter als Ressource |
| Hohe, variable/progressive Bezüge |
Erfolgsbeteiligung |
Gewinnbeteiligung |
| Gering, opportunistisch |
Wertebezug |
Eng, dauerhaft |
Machtbewusst,
Bürokratisch,
Planwirtschaftlich |
Stil |
Vertrauenskultur,
Bodenständig,
Aktionsorientiert, agil
|
| Beschäftigungs-/ Karriereplattform |
Stellung des Unternehmens |
Gestaltungs- und Verantwortungsraum |
Historie
Elemente des Managerismus
lassen sich auf die wissenschaftliche Betriebsführung von
Frederick Taylor
(1856 – 1915) zurückführen. Kennzeichnend
dafür
ist das distanzierte Verhältnis zum Menschen - Menschen sind
austauschbar - und der ausgeprägt
bürokratisch-analytische
Stil mit einer klaren Trennung von Planung und Ausführung,
ferner
die Betrachtung und Behandlung der Arbeiter in der Produktion als
Maschinen und der Versuch, mit wissenschaftlichen Methoden den
bestmöglichen Weg zur Durchführung einer Aufgabe bis
ins
Detail festzulegen. Auswahl und Schulung der Arbeiter waren darauf
abgestellt. Mit dem Akkordsystem sollten die Leistungsnormen
übertroffen werden. Das Ergebnis dieses Ansatzes zeitigte
überraschende Produktivitätssteigerungen, wozu ein
anhaltend
hohes Wachstum beitrug. Aber das Akkordsystem funktionierte nur gut in
stabilen Verhältnissen, es führte zunehmend zu
mittelmäßigen Leistungen, war mit hohem Planungs-
und
Kontrollaufwand verbunden, zog eine Misstrauenskultur nach sich.
Der Taylorismus breitete sich sowohl in marktwirtschaftlich
als auch in zentral geleiteten Volkswirtschaften aus.
Das systemische Element des „Taylorismus“
war die
Zweiteilung des Unternehmens/ Betriebes in Manager, die Planung,
Steuerung und Kontrolle innehaben und Arbeiter, die ungefragt die
standardisierten Prozesse ausführen. Die Folgen waren komplexe
Strukturen mit vielen Hierarchieebenen, eine Fülle von starren
Systemen, Regelwerken und Vorschriften, mangelnde direkte
Kommunikation, Papierflut.
Eine breitere Sicht des Managements, die leistungsorientiert
war,
aber den Menschen einbezog und von Verantwortungsbewusstsein
für
die Gesellschaft bestimmt war, stammte von Peter, F. Drucker
(1909 – 2005), dem weltweit anerkannten Managementtheoretiker
und
-lehrer, Berater und Philanthrop. Er hat sich seit den 40er-Jahren
unnachahmlich mit dem Entstehen des Managements, dem Emporkommen der
Manager als berufliche und soziale Klasse und deren Wandlungen bis zu
Beginn dieses Jahrhunderts beschäftigt.
Nach seinen Beobachtungen bildete sich Management als
generische
Funktion nach dem Ende des 2. Weltkriegs heraus. Management wurde zu
einer Disziplin, vergleichbar einem anspruchsvollen Handwerk (nicht
einer Wissenschaft), das seinen Schwerpunkt in Planung,
Entscheidungsfindung, Kommunikation und Ergebniskontrolle hat.
Nach dem Verständnis von Drucker ist ein Manager mehr
als der
so genannte Technokrat. Management ist kulturgebunden, und ist den
Werten und Traditionen der Gesellschaft verpflichtet. Aufgrund des
klaren gesellschaftlichen Bezugs von Unternehmen sind Manager sozial
verantwortlich und sollen Führungsverantwortung über
das
Unternehmen hinaus übernehmen. Drucker sah schon früh
voraus,
dass die Anforderungen an das Management in Bezug auf
Menschenführung, unternehmerisches Engagement,
Wissensmanagement,
Internationalisierung des Geschäfts, weiter wachsen
würden.
Drucker’s kürzeste Formel von Management
lautet: It’s about people:
Das bedeutet, dass es Aufgabe des Managements ist, Menschen zu einer
gemeinschaftlichen Leistung zu befähigen, indem ihre
Stärken
genutzt und ihre Schwächen hinten angestellt werden. Weil
Management
auf die Integration von Leuten, auf ein gemeinsames Unterfangen hin
ausgerichtet ist, wird es in seiner Art notwendigerweise stark von der
jeweiligen Kultur geprägt, in der es sich betätigt.
Gewinnerwirtschaftung ist nicht der Zweck von Unternehmen, sondern eine
Nebenbedingung. Gewinn ist weniger die Erklärung, Ursache und
Ratio geschäftlicher Betätigung als ein wesentliches
Prüfkriterium für effektives und effizientes
Verhalten.
Drucker’s Sicht des Managements war idealisierend,
prägend für die große Mehrheit von Managern
bis in die
90er-Jahre. Hohe Ansprüche waren gestellt an die
Integrität
und an das Selbstverständnis des Managers, das er in die
Nähe
von Unternehmertum rückte.
In den USA setzte in den letzten 10 – 15 Jahren
immer
stärker ein kapitalmarktgetriebenes Managementverhalten ein.
Im
Zuge des Börsenbooms der Jahrtausendwende kam es zu einer
wahren
Wachstumseuphorie und zu einer Inszenierung von Chief Executives zu
„Business Heros“ und zu Bilanzmanipulationen; es
häuften
sich feindliche M&A-Aktionen, rücksichtslose
Entlassungsfälle, von Management Consultants und
Investmentbankern
absichtsvoll ausgedachte und initiierte Megatransaktionen, ausufernde
Selbstbedienungsfälle des Top-Managements. Die Vorteile kamen
in
erster Linie dem Management und seiner direkten Umgebung zugute.
Die große Mehrheit der Arbeiter und Angestellten
blieb bei der
Verteilung der eingefahrenen Gewinne unberücksichtigt, ihr
Realeinkommen schrumpfte, während die Bezüge der
Top-Manager
unaufhaltsam auf ein Mehrfaches stiegen.
Die Exponenten dieser Schattenseite der Wirtschaft waren
fälschlicherweise angesehene, von den Medien hoch gelobte und
an
des Business Schools als mustergültig gelehrte Unternehmen wie
Enron, WorldCom, Tyco in den USA und viele weniger prominente.
In Deutschland kam es nicht zu so großen Übertreibungen und Abweichungen von der Vorstellung verantwortungsvollen Managements. Aber Unternehmen wie DaimlerChrylser, Arcandor, TUI und Vorzeigeunternehmen des euphorischen, aber rasch vergangenen Neuen Marktes waren untrügliche Beweise für die Ausbreitung von Managerismus.
Eine augenfällige Facette waren die über
Jahrzehnte
andauernde Manipulation des Marktes durch verdeckte Kartellstrukturen
und die nicht unüblichen, unterschwelligen Praktiken von
Korruption und Kollusion.
Zahlreiche Untersuchungen belegen denn auch, dass in vielen
Ländern, insbesondere in USA und Deutschland, das Ansehen des
Top-Managements börsennotierter Unternehmen bei allen Teilen
der
Bevölkerung großen, dauerhaften Schaden genommen
hat. In
kleineren Ländern, insbesondere in den skandinavischen, kam es
nicht dazu.
Das positive Managerbild Druckers ist schwer wieder
herstellbar.
Ein vehementer Kritiker der Auswüchse des
Kapitalismus im Allgemeinen und ihrer Verursacher war John Kenneth Galbraith
(1908 – 2006), US-Volkswirtschaftler,
Präsidentenberater und Botschafter. Er hat sich in seinem
letzten
Werk eingehend mit dem Realitätsverlust der heutigen
Gesellschaft,
der Rolle der Großunternehmen und ihrer Leitung befasst.
Nach seiner Beobachtung ist spätestens Ende des 20.
Jahrhunderts eine weitergehende Verschleierung der
tatsächlichen
Verhältnisse in Wirtschaft und Politik eingetreten, von ihm
ironisierend als „unschuldiger Betrug“ bezeichnet.
In den modernen Volkswirtschaften haben die Konzerne eine
beherrschende Stellung errungen. Die Macht in diesen
börsennotierten Unternehmen ist von den Eigentümern
auf die
Manager übergegangen. Das Management hat de facto die
Alleinverfügbarkeit mit dem Ziel, die Unternehmen unaufhaltsam
zu
vergrößern, am Schnellsten durch Übernahmen
anderer
Unternehmen, und die Marktmacht bis an die dehnbaren Grenzen des
Kartellrechts zu treiben. Größe, bemessen an der
Zahl der
unterstellten Mitarbeiter, ist das weit verbreitete Kriterium
für
die Gehaltseinstufung geworden.
Harsche Kritik übt Galbraith an der vermeintlichen
Corporate
Governance, weil eine institutionelle Täuschung vorliegt. Die
Mitglieder des Board of Directors gelten als Interessensvertreter der
Aktionäre, obgleich sie vom Vorstand ausgewählt und
diesem
faktisch unterstellt sind. Dieses Verhältnis erlaubt eine
legale
Selbstbereicherung, indem die vom Vorstand eingebrachten
Vergütungsvorschläge als Formsache gebilligt werden.
Zu den wesentlichen Merkmalen von Großunternehmen
gehört
ein Managementsystem, das Überdehnung und Selbstbereicherung
nicht
oder nur ungenügend einschränkt. Auch wenn das
Management
jeden Bezug zu Bürokratie von sich weist, hält es
Galbraith
für angebracht, von
„Unternehmensbürokratie“ zu
sprechen anstelle von Management und Firmenleitung.
_____
- Taylor, Frederick W, Scientific
Management, New York: Harper & Row, 1911, Nachdruck New York:
Harper and Brothers, 1947
- Drucker Peter, F., Management, New York,
Harper & Row, 1974 und The Essential Drucker, HarperCollins,
2000
- Galbraith, Kenneth, J., Die
Ökonomie des
unschuldigen Betruges - Vom Realitätsverlust der heutigen
Wirtschaft, Siedler, Berlin 2005
- Hoefle, M./ Marquart H./Schnopp R.,
Managerismus
– Pathologien deutscher Unternehmen, Planwirtschaft,
München, 2007, ISBN 978-3-00-020994-9
_____
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