DENKZETTEL
Nummer 30
 

Relecture 2

Viktor E. Frankl: Sinn und Verantwortung

Ihre Bedeutung für die Unternehmensführung


Viktor Frankl (1905-1997 in Wien): Neurologe, Psychiater, Philosoph, Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse

 

„Immer mehr Menschen haben die Mittel zu leben, aber keinen Sinn nach
dem sie streben."

 

Der Mensch Viktor Frankl

Er war zeitlebens ein sozial engagierter Mensch: Mit 23 Jahren gründete er Einrichtungen für Jugendberatung. Mit 28 leitete er die Klinikabteilung für suizidgefährdete Frauen. Viktor Frankl kam aus einer Beamtenfamilie, studierte Medizin mit den späteren Schwerpunkten Depression und Suizid, verfasste neben der medizinischen eine philosophische Dissertation mit dem Titel Der unbewusste Gott. Wegen seiner jüdischen Herkunft wurden Viktor Frankl, seine Familie und Frau in Konzentrationslager gezwungen; nur er überlebte: Theresienstadt, Auschwitz, Kaufering, Türkheim. Trotz alledem blieb Großmut seine Grundhaltung: Schon kurz nach Kriegsende trat er für Versöhnung ein; er verneinte stets die Kollektivschuld. Viktor Frankl war ein begeisternder Lehrer als Professor für Neurologie und Psychiatrie in Wien (zusätzlich mehrere Gastprofessuren in den USA), Verfasser von 30 Büchern (in 32 Sprachen übersetzt), ein unermüdlicher, begnadeter Vortragender auf allen Kontinenten; und ein passionierter Alpinist. Für seine akademischen Leistungen erhielt er 29 Ehrendoktorate und zahlreiche bürgerliche /staatliche/ wissenschaftliche Auszeichnungen.

Viktor Frankl ist der Begründer der Logotherapie, der sinnzentrierten Psychotherapie (von anderen als „Dritte Wiener Schule der Psychologie" bezeichnet(1) auf Basis des aus der Existenzanalyse gewonnenen Menschenbildes. Im Zentrum seines Wirkens steht der Sinn des Lebens.(2)

Im Folgenden soll sein Denken und Wirken auf die heutige Situation in der Wirtschaft und hier insbesondere auf die Unternehmens-/Mitarbeiterführung bezogen und Lehren auch für den Einzelnen daraus gezogen werden.

Allgegenwärtige Sinnkrise

Es hört sich nach einem Gemeinplatz an, wenn von einem bedenklichen Zustand der Gesellschaft und Wirtschaft die Rede ist. Die Verunsicherung der Jugend ist ein besonders auffälliges Symptom dafür. Eine Jugendarbeitslosigkeit in großen Teilen Europas mit fast jedem Zweiten ohne Arbeitsstelle weckt Erinnerungen an die „verlorene Generation" – nämlich die Generation des frühen zwanzigsten Jahrhunderts –, jedoch mit dem Unterschied, dass damals zwei verheerende Kriege ursächlich waren. Für viele Berufsanfänger beginnt heute die Unsicherheit mit dem „Praktikum" auf Dauer. Verunsicherung und Hoffnungslosigkeit angesichts überzogener Ansprüche, mangelnder Ausbildung und nachlassender sozialer Durchlässigkeit sind verbreitete Gemütslagen geworden.

Ein anderer Blickwinkel: Die Wohlstandsgesellschaft mit ihrem Streben nach materiellen Gütern erfährt zusehends Grenzen der Sättigung. Nach US-Studien liegt der Scheitelpunkt materiellen Glücks bei einem Jahresnettoeinkommen von 75 Tausend Dollar. Konsum um des Konsums willen verschafft nicht nur kein größeres Glück, auch keinen Lebenssinn. Auch die Perpetuierung wirtschaftlichen Wachstums macht so gesehen wenig Sinn, schon gar nicht, wenn dazu die Menschen unaufhörlich mit Werbung verführt werden. Die sozialen Netzwerke sind zu einem Abhängigkeitsapparat mutiert, der mit allen erdenklichen Praktiken darauf aus ist, die Aufmerksamkeit für Sinnvolles und Werthaltiges zu rauben und en passant abzukassieren. Mangel an Aufmerksamkeit und eine hoch entwickelte Kulturschließen sich aus – so die geschichtliche Erfahrung.

Auch der Wohlfahrtsstaat bringt keinen Sinn mit sich, auch keine gelebte Solidarität, bestenfalls einen mehr oder weniger ausreichenden materiellen Ausgleich für den Lebensunterhalt. Die vorgeblichen sozialen Leistungen lassen die Belastung kommender Generationen unaufhörlich wachsen; ein unheilvoller Vorgang ohne Verantwortliche.

Der Kapitalismus ist nicht sinnstiftend, weil er im Kern ein Wettbewerbssystem für mehr Reichtum Weniger ist. Die Bindung an das Gemeinwohl fehlt dem klassischen Kapitalismus. Besonders krass zeigt sich dieser Mangel im Ausgabeverhalten der vielen in Kalifornien ansässigen Internet-Tycoons, etwas übertüncht durch demonstrative Wohltätigkeitsaktionen. In ihrem unbändigen Vorwärtsdrang „ökonomisieren" kapitalistische Wirtschaftsweisen alle Lebensbereiche, entwerten die Sinnthemen Bildung, Freundschaft, Liebe und Fürsorge, schwächen die Familie als Zelle der Bildung und Sozialisierung. Die gewöhnlich einhergehende Säkularisierung ignoriert oder banalisiert den tieferen Sinn des Lebens.
Der Sozialismus auf der anderen Seite hat als Utopie und Vision in der Realität vollends enttäuscht, hat einstmals hehre Gesellschaftsziele zugunsten von Funktionärsklassen preisgegeben und ist als Wirtschaftssystem grandios gescheitert; auch bei der Pflege von Werten hat er total versagt.

Die ausgleichende Soziale Marktwirtschaft - und mit ihr die Demokratie - verliert an innerer Stärke, wenn sie immer weniger „inklusiv" ist und sich unübersehbar Sonderinteressen ausliefert.
In unserer Zeit ist ein markanter Mangel an Vorbildern und an Sinnvermittlern festzustellen. Ein wachsender Teil des Führungspersonals in Politik und Wirtschaft, und auch die sich zu den Intellektuellen Zählenden, sehen sich der Pflicht zum Vorbild befreit. Wenn Feuerwehrleute und Krankenschwestern in der Skala der Reputation ganz oben stehen, Politiker, Journalisten und Banker aber ganz unten anzutreffen sind, ist diese Divergenz vielsagend. Auch Manager, vor allem die Top-Manager, sind wenig geachtet. Bei „Unternehmern" ist die Situation noch eine bessere, wird aber medial nicht transportiert.
Diese kursorische Zustandsbeschreibung ist ähnlich der, die Viktor Frankl vor 30 Jahren für die USA ausstellte: verbreitete Sinnlosigkeitsgefühle als Massenneurose als Folge der Überflussgesellschaft. Langeweile, berufliche Hektik, Orientierungsmangel, Konsum, der einlullt oder süchtig macht, selbstverursachter Stress in der „Freizeit" sind Ursachen und Ausflüsse. Die in jüngster Vergangenheit stark zugenommenen seelischen Krankheiten, das Auseinanderfallen von Gemeinschaften, das sind Zeichen für eine versagende, eine zumindest schlecht funktionierende Gesellschaft.

Vier Antworten von Viktor Frankl

Der Sinn muss im Zentrum menschlichen Strebens stehen. Sinn gibt Orientierung, verleiht dem Einzelnen und der Gemeinschaft Stabilität und fordert persönliche Verantwortung ein. Auf einer solchen Grundlage kann Wertschöpfung gedeihen, die sich aus Disziplin, dem Streben nach Verbesserung, nach Exzellenz und Kreativität speist.
Nachfolgend Antworten mit besonderem Gewicht auf Implikationen für die Wirtschaft bzw. die Unternehmensführung:

Erstens: Freiheit ohne Verantwortung ist zerstörerisch.

"The Freedom Equation is incomplete with Liberty alone. Liberty must co-exist with Responsibility to maintain Freedom." (3)

In seinem bekanntesten Buch Man's Search for Meaning(4) - von der amerikanischen Kongressbibliothek als eines der zehn einflussreichsten Bücher eingestuft - schlug Viktor Frankl vor, die Freiheitsstatue an der Ostküste der USA mit einer „Statue of Responsibility"(5) an der Westküste zu ergänzen. Denn Freiheit bedarf nach ihm einer engen Verknüpfung, sie soll keine losen Enden haben, da ihr das Potenzial zur Selbstzerstörung innewohnt. Man denke an das Ansinnen des wirtschaftlich Stärkeren, der seine Freiheit nutzt, andere hemmungslos zu verdrängen, Märkte zu vermachten, wie die Geschichte der Monopole zuhauf (neuerdings bei den großen Internet-Providern) beweist; aber auch an den Hang einzelner Beschäftigter zur (Selbst-) Ausbeutung. Ein anderer Bezug: Die Finanzkrise offenbarte, wie durch smartes Ausnutzen aller legalen Möglichkeiten, von Leveraging & Packaging(6) und durch Cheating & Confusing(7) Verantwortung ausgehebelt wurde und immer noch wird.

Auf einen Widerspruch sei hingewiesen: Trotz allen Geredes von Nachhaltigkeit ist die Abschöpfung von Kunden nie größer gewesen; entgegen allem angeblich rigorosen Risikomanagement und trotz der mit Bestnoten versehenen Ratings haben sich viele modische Finanz-Produkte als „Ware ohne Wert" herausgestellt. Ohne staatliche Intervention wären viele Institute falliert. Der Schluss daraus ist einfach, jedoch kompliziert in der Umsetzung: Verantwortung braucht Adressaten und einen soliden gesellschaftlichen Rahmen. Die Verantwortlichen müssen bekannt sein und jederzeit in Anspruch genommen werden können. Anonym Handelnde, komplexe Systeme, intransparente Abläufe, verschachtelte Strukturen leisten der Verantwortungslosigkeit Vorschub. Eine problematische Gruppe sind Großstrukturen - das sind (über-) große Banken, Versicherungen, Unternehmen (neuerdings die explosiv wachsenden Internet-Player und die globalen IT-Utilities). Atomistische Eigentumsstrukturen, wie sie für die großen Publikumsgesellschaften zutreffen, tun ein Übriges, Verantwortung zu entpersonalisieren und somit zu entkräften.

Eingeräumte Freiheit muss über nachgewiesene Verantwortung verdient werden. Der Erwerb von Verantwortung vollzieht sich nicht auf ebenen, gradlinigen Wegen, sondern auf steinigen Pfaden bergan. Auf Führung angewandt bedeutet es, dass die Bewährung in der Aufgabe vor der Karriere zu stehen hat. Karrierismus ist der Verantwortung abträglich; ebenso die Überkontrolle mit formaler Compliance (auch als „amerikanische Bürokratie" bezeichnet) und ausgefeiltem Mikrocontrolling.

Das Prinzip Freiheit verlangt nach Ergänzung durch Verantwortung. Mit den Worten von Viktor Frankl:
„Freedom is but the negative aspect of the whole phenomenon whose positive aspect is responsibleness. In fact freedom is in danger of degenerating into mere arbitrariness unless it is lived in terms of responsibleness." (8)

Zweitens: Auf die persönliche Entscheidung kommt es an, nicht auf die Situation.

Der Mensch ist selbstbestimmt, kann sich entscheiden. Viktor Frankl war erklärter Gegner eines deterministischen Menschenbildes, das so mancher Wissenschaftsideologie zugrunde liegt.(9) Der tiefe Grund dafür findet sich in seiner existenziellen Erfahrung in den Konzentrationslagern. Danach hatte der Mensch trotz der entsetzlichen Umstände die Wahl, sich wie ein „Schwein" oder wie ein „Heiliger" zu verhalten. Wie aus zahlreichen Berichten bekannt gab es sogar in diesen Höllen eine kleine Minderheit „humaner Menschen". Der Mensch ist eben nicht festgelegt, sein Verhalten folgt keiner simplen Kausalität.
Auf Unternehmen übertragen, gibt es die integer oder betrügerisch geführten, und viele, die von Beidem etwas in sich tragen. Bei allem Denken in Vorteilen und Gewinn besteht die Option, sich so oder so zu verhalten. Die Wahlmöglichkeit ist an der Spitze von Unternehmen am größten; sie liefert eine wesentliche Vorgabe für das Verhalten der Belegschaft. Aber auch in einem auf Korruption angelegten oder Schwindel duldenden Unternehmen ist der Einzelne nicht von seiner persönlichen Entscheidung befreit, mitzumachen oder sich dagegen zu stemmen. Das „Institut" vom Ehrbaren Kaufmann ist eine gute Referenz für eine innere, selbstbestimmte Haltung, die Ehrlichkeit zum obersten kaufmännischen Gebot macht, unterstützt durch die drohende Sanktionierung von Überschreitungen durch die Gesellschaft.(10)
Wenn Umstände unkritisch sind, ist es leicht, anständig zu sein. Schwierig sind Situationen, in denen es darum geht, beispielsweise einem loyalen Mitarbeiter oder einem persönlich guten Bekannten zu kündigen. Was gehört sich in einem solchen Fall, was nicht? Die Wahlmöglichkeiten sind ein aufklärendes Gespräch verbunden mit dem Versprechen auf tätige Mithilfe bei der Vermittlung bzw. beim Ausgleich – oder wie es in vorgeblich exzellenten Unternehmen bisweilen geschieht, die Kündigung per E-Mail.
An dieser Stelle sei auf eine paradoxe Beobachtung hingewiesen: Zu keiner Zeit war so viel von Leadership (früher hieß es noch unprätentiös Management) die Rede wie heute; und zu keiner Zeit bestand ein so großes Defizit an Anstand. Dieses Auseinanderlaufen von Rede und Tat ist mitschuldig an dem Ansehensverlust von Managern (als Gruppe) und vieler Finanzinstitute und so mancher Unternehmen. Ein Mittel, dem entgegenzuwirken ist schlicht Anstand und Charakter als Kriterium der Personalauswahl und -entwicklung wieder aufzuwerten. Die Geringbewertung dieser Eigenschaften im Vergleich zu fachlichen, darstellerischen und manageriellen Fähigkeiten ist ein grober Fehler. Bewusste persönliche Entscheidung verlangt einen eigenbestimmten Menschen. Von Konformismus geleitete Personen – ob durch Moden, Konsum, Gruppendruck, nicht zuletzt Vorgaben der Unternehmensspitze –sind anfällig für unlauteres Verhalten.

Drittens: Es ist zu entscheiden, ob von Zielen gezogen oder von Aktionen getrieben zu sein.

Das Getrieben-sein ist ein Syndrom dieser Zeit. Globalisierung und Internet haben in den letzten 20 -30 Jahren in ungeahntem Maße die Welt beschleunigt und verkleinert. Aktionismus ist allgegenwärtig nicht nur in der Arbeit, auch in der „Freizeit" mit Events, Games & Trips. Dadurch wird die Zugkraft von Lebenszielen geschwächt und in nicht wenigen Fällen geht sie gänzlich verloren.
Nach Viktor Frankl ist der Mensch im Grunde auf die Zukunft ausgerichtet, verheißungsbezogen. Aufgrund seiner Selbstbestimmungsmöglichkeit ist der Mensch gewöhnlich aufgeschlossen für Ziele und frei zu inneren Haltungen. Diese können sich sowohl auf einzelne Aufgaben und Tätigkeiten beziehen als auch grundsätzlich, ontologisch/existenziell sein. Problematisch, krankmachend ist jedoch der Selbstbezug, weil sich der Mensch dann im Kreise dreht und auf sich fixiert ist. Die unausweichlichen Folgen sind Neurosen.
Auch Unternehmen können neurotische Züge entwickeln, wenn sie überorganisiert, überbestimmt, extrem eigennützig sind, wenn sie sich allen Managementmoden ausliefern, dauernd umorganisieren, keine klare Richtung mehr kennen. Dann kann man von einer manageristischen Verfassung sprechen(11). In diesem Zusammenhang soll auf zwei Paradoxa verwiesen werden: der erste Widerspruch ist das ständige Gerede von Visionen, von Nachhaltigkeit, so auch von der Bedeutung einer beständigen Personalentwicklung, und zur gleichen Zeit ein Aktionismus mit Job-Hopping bzw. Ready to Develop; der zweite Widerspruch ist das Schwärmen von Wissensmanagement auf der einen Seite und die Unfähigkeit zur Reflexion, die Unlust zum Lernen aus Fehlern auf der anderen Seite. Die aus „Kurzfrist-Denke" veranlasste Trennung von loyalen, erfahrenen Mitarbeitern konterkariert das viel gepriesene „Lernende Unternehmen".

Viertens: „Sinn muss gefunden, kann nicht erzeugt werden."

Der existenzielle Sinn des Menschen ist durch Selbsttranszendenz - das heißt durch einen Sinn außerhalb der eigenen Person - auffindbar und erfahrbar(12). Der Sinn äußert sich in der Bereitschaft zum Dienst an der Sache, zum Streben nach guter Leistung, zur Hingabe an Mitmenschen.(13) Selbstbestimmung wird nicht erreicht, solange man nur dem Geldverdienen anhängt und sich dem Konsum ausliefert. Doch für die Persönlichkeitsentwicklung ist Sinnfindung unverzichtbar.

Sinn ist nur dem Menschen eigen. Unternehmen erfüllen einen Zweck. Indem sie Kunden Nutzen bringen und darüber hinaus der Gemeinschaft dienlich sind, geht ihr Zweck über das Erzielen von Gewinn hinaus (dieser ist eigentlich nur eine Nebenbedingung und ein Kriterium für Effizienz).(14) Dadurch, dass Unternehmen sinnvolle Arbeit ermöglichen, leisten sie einen Beitrag zur Sinnerfüllung; sie können beitragen, Tages- und Lebensabläufe zu beiderseitigem Vorteil zu strukturieren, Fähigkeiten der Belegschaft produktiv einzusetzen und zu entfalten, Gemeinschaft zu bilden, den Selbstwert von Mitarbeitern zu heben - aber eben auch das Gegenteil bewirken. Arbeit ist mehr als nur Geldverdienen, ist viel mehr, wenn sie sinnvoll ist.
Der Wohlfahrtsstaat und mit ihm die Gewerkschaften unterschätzen andauernd in einer instrumentellen Sicht die Sinnhaftigkeit von Arbeit, wenn sie nur die Entlohnung im Blick haben. Arbeit kann sich allerdings auch als unnütz, als überflüssig erweisen; dann entwertet sie sich und enttäuscht die Beteiligten. Die Suche nach sinnvoller Tätigkeit ist der Würde des Menschen gemäß und im Einklang mit dem Streben nach einem sinnhaften, erfüllten Leben.
Wiederum fallen zwei paradoxe Entwicklungen auf: Zum einen vernichtet die vom Kapitalmarkt geforderte kurzfristige und einseitig auf Gewinn fixierte Ergebnisorientierung in vielen Fällen das für den langfristigen Erfolg notwendige Engagement bzw. Commitment, vor allem die Innovationsfähigkeit, und untergräbt sich somit selbst; zum Zweiten: Noch nie gab es so viele Erfolgsanleitungen und Versprechungen, lagen so viele verwirrende „Patchwork"-Konzepte vor; und selten war so wenig Sinnfindung und -erfüllung anzutreffen.
Für die Führung in Unternehmen ist die Einsicht wichtig, dass nicht allein das Ergebnis zählt, sondern die Leistung zur Zielerreichung zu berücksichtigen ist. Bei einer reinen Zielorientierung (Stichwort: Management by Objectives; MBO) wird dies übersehen; ebenso bei den nunmehr verbreiteten Incentivesystemen. Über Belohnung kann Leistung umfassender gewürdigt werden, was aber Führung erfordert. Bei den Zielen ist die Unterscheidung in primäre - ein Lebenswerk zu vollbringen ist ein solches - und sekundäre, wie eine Karriere, wichtig. Das Ergebnis dieser Unterscheidung kann zu einer Umkehrung von einem passiven Leben zu einem gestaltenden führen. Dann kommt die Würde des Menschen zur Entfaltung.

Grundlinien für die Unternehmensführung

„Der Mensch will nicht einfach glücklich sein – er will einen Grund zum Glücklich-Sein."(15)

Glück ist, mit innerer Zustimmung zu leben. Das bedeutet, sich anzunehmen, mit sich stimmig zu sein, andere zu achten und geachtet zu werden, sich bereitzustellen und gefragt zu sein. Glück hat im Kern mit Lebenstiefe und Reife einer Person zu tun, die ohne die Erfahrung der Begrenzung des Lebens und ohne Auseinandersetzung von Leiden und Mitgefühl nicht möglich ist.
Unternehmen als produktive soziale Verbünde muss daran gelegen sein, die Mitarbeiter zu fördern und zu fordern – wie Peter Drucker beharrlich postulierte.(16) Unternehmen können ein gutes Arbeitsklima bieten und ein bereicherndes Zusammenleben ermöglichen; wenn sie diesen Einklang zustande bringen, beugen sie einer ausufernden Individualisierung und sichern eine gedeihliche Unternehmensentwicklung.
Aus dem reichen Gedankenschatz und Erfahrungsgut Viktor Frankls sollen zusammenfassend vier Lehren gezogen werden, die für die „Selbstführung" und für die Unternehmensführung wichtig sind.

Erstens: Verantwortung übernehmen

Es ist die Pflicht des Einzelnen Verantwortung zu tragen, für Getanes einzustehen – für sich und für andere. Diese subsidiäre Einstellung entspricht dem Menschenbild, das aus der Existenzanalyse stammt, und dem christlichen entspricht.

Zweitens: Sich den Anforderungen stellen

Heißt den Anforderung einer Situation gerecht zu werden, indem das getan wird, was in sich und an sich sinnvoll ist. Diese Anforderung ist ein universales Prinzip der Lebensführung. Verhalten ist demgemäß nicht teilbar in ein privates und ein berufliches. Kasuistische Herangehensweisen wie „Geschäftsmoral" bzw. Business Ethics sind eingeschränkt und irreführend, weil sie verschiedene Anforderungen unterstellen.
Ein weiterer Punkt: Sich einer Aufgabe, einem Auftrag widmen bedeutet, eine Aufgabe möglichst gut zu machen und nicht nur ein Ergebnis abzuliefern. Zur Erfüllung eines Auftrages sind ausreichend Freiheitsgrade notwendig, unter Einhaltung moralischer Grenzen. Unternehmerisches Handeln muss immer verantwortlich sein – das ist mehr als nachhaltig. Die Arbeit soll wertschöpfend(17), nicht nur Job sein. Denn Commitment - um nicht das pathetische Wort Hingabe an eine Aufgabe, einen Auftrag zu verwenden - entsteht nur über Anerkennung und Zufriedenheit mit der Leistung. Darum ist Kritik an unsinnigen Arbeiten, an Bürokratie und ausgeuferter Compliance ernst zu nehmen.
Den Sinn der Arbeit zu erklären, ist eine wichtige Aufgabe der Unternehmensführung. Gelingt diese, wird die Wirtschaft nutzbringender für die Gemeinschaft. Unternehmen sollten sich einen glaubwürdigen Auftrag geben und sich nicht ausschließlich auf Ziele, wie Größe bzw. Umsatzwachstum und Gewinn bzw. Kapitalverzinsung, ausrichten.

Drittens: Maßvoll sein

In den Worten von Viktor Frankl: „Am allervernünftigsten ist,...... Nicht allzu vernünftig sein zu wollen."(18) Jede Verabsolutierung, das ist die Maximierung von Macht und Gewinn, ist nicht menschengerecht und nie von langer Dauer. Gerade in Unternehmen kommt es darauf an, das Prinzip des „Sowohl als Auch" zu bedenken, zu wissen, dass es Chancen und Risiken jeglicher Art gibt und es darum geht dazwischen abzuwägen. Doch viele Managementkonzepte fußen auf einseitigen, rein rationalen Denkmustern, welche die Menschen außen vor lassen; darum kann auf sie ohne Schaden verzichtet werden.

Viertens: Anspruchsvolle Ziele setzen

Die Erwartungen an den Einzelnen und auch die Ansprüche an sich sollen hoch angesetzt werden. Nur dann erwächst die schöpferische Spannung sich anzustrengen, besser und für andere wertvoll zu werden. Viktor Frankl verwendete für diese Einstellung die zeitlose Erkenntnis von Johann Wolfgang Goethe: „Wenn wir den Menschen so nehmen, wie er ist, dann machen wir ihn schlechter. Wenn wir ihn aber so nehmen, wie er sein soll, dann machen wir ihn zu dem, der er werden kann."(19)
Die Botschaft Viktor Frankls, dieses großen Menschen, Menschenkenners und Wissenschaftlers, lässt sich so zusammenfassen: 

Der Mensch muss sich selbst um ein sinnerfülltes Leben bemühen.

Unternehmen dürfen dabei nicht im Wege stehen; sie sollen vielmehr hilfreich sein.

Manfred Hoefle, 19. Dezember 2013

 

LITERATUR 

Frankl, Viktor, E.: ....... Trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. Kösel-Verlag, München 2009, 9. Auflage.

Frankl, Viktor, E.: Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn. Eine Auswahl aus dem Gesamtwerk (mit Vorwort von Konrad Lorenz), Serie Piper, 289, München 2009, 22. Auflage.

Frankl, Viktor, E.: Der Wille zum Sinn, Verlag Hans Huber, München, 6. Auflage, 2012.

Frankl, Viktor, E.: Ärztliche Seelsorge: Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse, Verlag Franz Deuticke, Wien, 10. Auflage, 1979.

Frankl, Viktor, E.: Man's Search for Meaning: An Introduction to Logotherapy, Beacon, Boston, 2004. 

LINKS

Viktor Frankl Zentrum 
Viktor Frankl Institut 
Konrad Lorenz: Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit 
Peter F. Drucker: Management braucht Werte! 

 

Bemerkungen 

(1) Nach der Psychoanalyse von Sigmund Freud und der Individualpsychologie von Alfred Adler.
(2) Beachtenswert ist die Verwandtschaft in seinem Denken mit dem von Peter Drucker und Konrad Lorenz (Vorwort zu Frankl's Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn). Beim Menschenbild und Gesellschaftsverständnis ist ihnen gemeinsam: die Betonung des Individuums, die Wertschätzung von Tradition und Gemeinschaft, die Bedeutung von Transzendenz und das lebenslange Streben nach persönlicher Verbesserung und das Bemühen um eine „bessere Welt". In ihrer Denk- und Lehrweise waren sie interdisziplinär, sokratisch, katalytisch. Zu einem guten Teil ist diese geistige Verwandtschaft auf ihre breite Ausbildung, reiche Bildung und weltoffene Sozialisation im Wien des frühen 20. Jahrhunderts zurückzuführen.
(3) Aus: Man's Search for Meaning, p. 209
(4) 1956 in den USA erschienenes Buch, das auf einem 1945 verfassten Bericht „.... Und trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psycholog erlebt das Konzentrationslager" beruht. Von diesem autobiographischen Buch (englische Fassung: „Man's Search for Meaning") sind zehn Millionen (in über 150 Auflagen) erschienen.
(5) Das Projekt „Statue of Responsibility" wird von einer Stiftung vorangetrieben. Der Staat Utah hat sich 2010 zur Errichtung des Denkmals bereit erklärt.
(6) Nutzung von Hebelwirkungen vor allem im Verhältnis von Eigen- zu Fremdkapital und der Ausschluss von Haftung.
(7) Man denke an die Marktmanipulationen beim LIBOR und bei Gold. Die Tarifgestaltung für Strom und Kommunikation beruht eindeutig nicht auf Transparenz.
(8) Aus: Man's Search for Meaning, p. 209.
(9) Dazu zählen der Biologismus, Physikalismus, Psychologismus, Behaviorismus, Soziologismus und eine starke Richtung der Neurowissenschaften.
(10) Heute wird dafür der Begriff der Integrität verwendet: siehe Der Ehrbare Kaufmann – Leitbild auch für heute (Einsichten 5)
(11) Wesentliches Merkmal ist die ausgeprägte Instrumentalisierung des Menschen bzw. ein reduktionistisches Menschenbild.
(12) Aus: Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn, S. 155.
(13) Poetisch hat dies Rabindranath Thakur (Tagore) 1861-1941, Dichter, Philosoph, Nobelpreisträger (1913), ausgedrückt: „Ich schlief und träumte, das Leben sei Freude; ich erwachte und sah, das Leben ist Pflicht; ich handelte und siehe die Pflicht war Freude."
(14) Nach Peter F. Drucker (1909-2005), dem großen Managementdenker mit Wurzeln in Wien, ergibt sich die Legitimierung von Management aus der Entfaltung der Stärken des Einzelnen im Unternehmen bzw. in anderen Organisationen. „Business enterprises ..... are organs of society. They do not exist for their own sake, but to fulfill a specific social purpose and to satisfy a specific need of a society, a community, or individuals." (Management: Tasks, Responsibilities, Practices, p. 39).
(15) Aus: Ärztliche Seelsorge, S. 182.
(16) „The large corporation must offer equal opportunities for advancement. This is simply the traditional demand for justice, a consequence of the Christian concept of dignity." Peter F. Drucker: Concept of the Corporation, 1946, S.141.
(17) Aufschlussreich ist die Verwendung der Begriffe „schaffen" und „schöpfen" (in manchen Dialekten) anstelle von „arbeiten".
(18) Aus: Ärztliche Seelsorge, S. 182.
(19) Aus Goethe's Wilhelm Meisters Lehrjahre, Buch 8, 4. Kapitel.