DENKZETTEL 
Nummer 31
 

Banken und Mittelstand – eine gefährdete Partnerschaft

Klaus Demleitner

Handelsblatt online vom 03.01.2014: „Kreditvergabe in der Euro-Zone lässt weiter nach. Die Banken in der Euro-Zone vertrauen Firmen und Privatpersonen nicht. Sie fahren ihre Darlehen zurück. ...". Diese Einschätzung ist alarmierend. Die Frage ist zudem, wer hier wem nicht mehr traut.

Seit Jahren kommt das Thema Deutsche Bank versus Kirch, einem Medienunternehmen in Familienhand, immer wieder in die Schlagzeilen. Vordergründig geht es um eine unsägliche Äußerung des Bankensprechers, die im Konzert der beteiligten Institute dem Unternehmen den Rest gegeben hat. Vor kurzem tauchten Verkaufsprospekte für Teile des damaligen Medienkonzerns auf. Anscheinend steckte mehr als eine Gedankenlosigkeit in einem Interview dahinter.

War das nur ein Sonderfall, ein Ausrutscher vielleicht? Die Realität im rigorosen bis rücksichtslosen Umgang von Banken mit ihren Kunden hat bereits die Welt des Mittelstandes erreicht und sich breit gemacht. Medien haben sich dieses Themas nicht angenommen und die Politik verkennt und verdrängt diese Problematik, obwohl deren Vertreter in großer Zahl in den Aufsichtsgremien der Geldinstitute sitzen.

Das unrealistische Geschäftskonzept von Banken

Der Idealkunde einer Bank ist so situiert, dass er deren Kapital eigentlich gar nicht braucht, ergo kein Kreditkunde ist oder jemals wird. Zwischen dem Kunden und der Bank steht das Risiko. Dieser Begriff, der für alle möglichen und unmöglichen Tatbestände herhalten muß und den Wortschatz von Bankenvertretern beherrscht, schwebt wie ein Damoklesschwert über den Firmenkundenbetreuern. Entsprechend groß ist die Angst vor Fehlentscheidungen. Das Handeln ist folglich durch Absicherung um jeden Preis auch auf Kosten des Kunden geprägt.

Dabei wird verkannt, dass grundsätzlich kein Unternehmen – wie auch das ganze Leben nicht - ohne Risiko ist, dass keine Prognose die Zukunft vorhersagen, geschweige denn eine Planung sie herbeirechnen kann. Risikoloses Banking heißt entweder keine Kredite bzw. Kunden oder nur noch schnelle Transaktionen.

Man verkündet, dass es keine Kreditklemme gebe. Derweil stand wohl noch nie so viel und teilweise vordergründig so günstiges Kapital zur Verfügung wie heute. Aber es gibt eine „Risiko-Klemme" in den Köpfen der Banker: Noch nie wurde so viel Risiko in Geschäfte und Unternehmen hineininterpretiert wie in jüngster Vergangenheit. Eine absurde, paradoxe Situation. De facto „klemmt" es gewaltig bei der Vergabe von Krediten.

Die Illusion vom normierbaren Unternehmen

Das normierte Unternehmen gibt es nicht. Eine Handvoll Kennzahlen beschreibt eben kein Unternehmen; so einfach und mechanistisch ist die Wirtschaftswelt nicht. Unternehmen lassen sich auch nicht in ein Rechenprogramm pressen, selbst wenn eine wachsende Zahl modellgläubiger Finanzprofessoren das propagiert. Ausfluss dieser mechanistischen Weltanschauung sind völlig inadäquate Berichtsanforderungen. Über Sinn und Unsinn von Quartalsberichten wurde schon viel diskutiert; mittlerweile hält das monatliche Reporting nicht nur zur Liquidität, sondern auch zur Bilanz und GuV Einzug. Über sogenannte Covenants (eingeführte Bezeichnung für zusätzliche Kreditbedingungen) wird dann wirklichkeitsfremd die Einhaltung monatlicher Plandaten mit geringen Abweichungen gefordert, unter Androhung sofortiger Sanktionen im Falle der Nichteinhaltung.

So liest man beispielsweise, dass der Financial Covenant Liquidität gebrochen sei, falls bei Überschreitung der Betragsobergrenze die Liquidität nicht am folgenden Buchungstag zurückgeführt werde. Branchentypische Schwankungen bleiben unberücksichtigt, auch rein banktechnische Buchungs- und Wertstellungszeiten. Die Betrachtungsmaßstäbe passen einfach nicht. Normale Schwankungsbreiten werden dann zu exorbitanten Ausreißern, zu existentiellen Einzelereignissen. Die Bank wirkt mit dieser formalen Vorgehensweise destabilisierend.

Aufblähen von Risiken durch Banken

Jedes Unternehmen ist spezifisch, und in der Regel dadurch erfolgreich. Deshalb ist die Aussagekraft von Benchmarks und Kennzahlen sehr begrenzt. Für eine Gesamtsicht und deren spezifische Einschätzung fehlen allerdings oft der Wille und die Kompetenz.
Unternehmen landen dann unversehens in der Sanierungsschublade und werden standardmäßig im falschen Rating eingestuft.

Zwischen einem erfolgreichen Unternehmen auf Wachstumspfad und einem Sanierungsfall liegt oft nur der Perspektivwechsel vom Unternehmer zum Bankenvertreter. Das ist schnell passiert. Zieht sich die Bearbeitung eines Auftrags über den Jahreswechsel, rutscht der Umsatz ins Folgejahr und Bilanzkennzahlen und Rating verschlechtern sich. Analoges ereignet sich, wenn sich eine Auftragsvergabe beispielsweise bei Projekten im Maschinenbau verzögert. Wohlgemerkt: es handelt sich hier nicht um junge Unternehmen, vielmehr um Mittelständler, die seit Jahren am Markt sind, gute Produkte haben und von ihren Kunden geschätzt werden.

Kommt der neue Auftrag endlich, mit Verzögerung, ist das aus Sicht des Unternehmers ein Erfolg. Die verspätete Auftragsvergabe hat zwar das Unternehmen möglicherweise vorübergehend finanziell in die Bredouille gebracht, aber den Engpass will und kann man - so glaubt man - gemeinsam mit seinem Finanzpartner lösen. Denn vom Zeitverzug abgesehen kam alles wie geplant: Bestätigung der Produkte und der Qualität, Auftrag mit guter Marge, steigende Reputation, gute Auslastung, zufriedener Kunde und neue Aufträge vor der Tür. Aus der Perspektive der Bank liest sich das aber ganz anders: Liquiditätsengpass, Kreditrisiko, Vorfinanzierungsrisiko, Abwicklungsrisiko, Bürgschaftsrisiko, Bonitätsrisiko.

Schießen Unternehmer frisches Kapital ein, wird dieser Schritt nicht positiv bewertet. Er wird dazu benutzt, die eigene Risikoposition abzubauen; d.h. das Engagement der Bank wird heruntergefahren, worauf sich die Situation verschärft. Manchmal geht's eindeutig zu weit: So werden Unternehmern schon mal private Ausgaben wie ein Vereinsbeitrag vorgehalten.

Offensichtlicher Mangel an Professionalität - oder läuft das bereits unter Schikane? - liegt vor, wenn im Stadium der Vorfinanzierung von großen Einzelaufträgen die Bank anfrägt, ob internationale Kunden z.B. Automobilkonzerne ausreichende Bonität hätten oder Staatsbanken respektabler Industrienationen für Akkreditive geradestünden. Berüchtigt sind immer häufiger die sogenannten Gremienvorbehalte, die dringende Entscheidungen unnötig verzögern. Währenddessen belauert sich das Kreditkonsortium argwöhnisch – „wer sich zuerst bewegt, hat verloren" – ein unsägliches Spiel auf Kosten der Unternehmer.

Im „Bonitätsspiel" ändern sich bisweilen die Bewertungen auf wundersame Weise, wenn der werte Unternehmerkunde sich dazu herbeilässt, eine oder auch mehrere Versicherungen beim wohlwollenden Kundenbetreuer der Bank abzuschließen. Dem einen beschert es eine Provision, der andere erhält seinen überteuerten Kredit.

Hoher Zusatzaufwand durch Berater

Die Beziehung zur Bank ist immer seltener bilateral, sondern wird unversehens multilateral, weil Banken mehr und mehr Berater involvieren; immer öfter, immer intensiver, immer teurer. War diese Praxis früher die Ausnahme, handelt es sich heute eher um reflexartig verordnete Zwangsmaßnahmen und umfangreiche Maßnahmenbündel; bis zum Eingriff in die Geschäftsführung. Das erfolgt ohne Augenmaß bei Kosten und ohne Verständnis für Auswirkungen bei Mitarbeitern, Kunden, Lieferanten, für eventuelle Signale an Wettbewerber und oder potentielle Übernehmer.

Da werden vorschnell Gutachten mit einem Honorarvolumen von üblicherweise 50 bis 100 Tausend Euro gefordert, gefolgt von einer („Zwangs)begleitung der auferlegten Maßnahmen", die mit weiteren 200 bis 500 Tausend Euro im Jahr zu Buche schlägt. Der Unternehmer wird also verpflichtet, geradezu genötigt, Geld auszugeben, das er nicht hat, dessen Mangel ihm aber angelastet wird.

Es gibt Fälle, in denen sich die Kosten für ein von der Bank gefordertes Gutachten und die ebenfalls geforderte „Begleitung" durch namentlich festgelegte Berater und vorgegebenen Aufwand auf 30% des neuen Engagements belaufen! Muss man in einem solchen Fall nicht treuwidriges Verhalten annehmen? Ist damit nicht der Tatbestand der faktischen Geschäftsführung erfüllt? Für die Bank birgt Beides unkalkulierbare Risiken.
Die Grenze zwischen sinnvollem Einsatz externer Expertise und dem Zusammenspiel von Seilschaften ist fließend.

Solche Praktiken überschreiten nicht nur legitimes Handeln - vom ehrbaren Kaufmann ganz zu schweigen ... „Banker", die so viel externe Unterstützung benötigen, sind schlecht ausgebildet, unerfahren, haben ihren Beruf verfehlt; auf jeden Fall verdienen sie ihr Geld nicht und ihren Kunden schaden sie. Regularien wie Basel III, Gesetze und Vorschriften alleine rechtfertigen das übliche Ausmaß externer Hilfe bzw. Begleitung nicht.

Verlorengegangene Partnerschaft

Offenes Misstrauen und unterstellte Unfähigkeit sind keine Basis für eine gedeihliche Zusammenarbeit. Wo sind die Firmenkundenbetreuer, die sich in die unternehmerische Wirklichkeit hineinversetzen? Gab es früher manchmal zu viel persönlichen Einfluss und auch Willkür, wird heute dem anderen Extrem gefrönt: Aktenmäßigkeit, alles rein „data-based", nur „hard facts"; tiefe Angst vor Risiko, Absichern, Verschanzen hinter Vorschriften, Vertrauen in Berater und Gutachten.

Mit dem ausufernden Einsatz neuer und zusätzlicher Bedingungen (Covenants) und Berichtsvorschriften steigt die Komplexität der Austauschbeziehungen, schwindet das Vertrauen. Gefragt ist wieder eine vernünftige Mischung aus Daten, einer Gesamteinschätzung der Lage und einfach gesunder Menschenverstand. Gefragt sind Banken als Partner in guten und in schlechten Zeiten – keine Abschöpfer und Schönwettermatrosen.

Absehbare Schwächung des Mittelstandes

Das Augenmerk ist auf eine unheilvolle Situation in der Bankenwelt zu richten, nämlich darauf, dass gestandene, ehrbare Unternehmer des allseits gelobten Mittelstandes zur Geisel eines Systems werden, das sich zu verselbständigen beginnt und zu einer Bedrohung gerade dieser Unternehmen wird.

Als Folge wird die Eigenständigkeit von immer mehr kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMUs) gefährdet. Großunternehmen freuen sich schon. Mittelständische Unternehmen landen in den Fängen globaler Finanzinvestoren. Die Marktkonzentration wird größer, damit auch die Konzentration von Macht, zum Nachteil der Kunden, zulasten der Mitarbeiter, auf Kosten von Innovation. Der Mittelstand, die Basis unserer Volkswirtschaft, wird geschwächt. Die Situation wird nur dadurch nicht desaströs, weil viele Unternehmer ihre Reserven mobilisieren, um in diesem Monopoly noch zu bestehen.

Die geschilderten Praktiken kommen nicht nur von Großbanken; mittlerweile sind sie auch in die Welt der Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken eingedrungen. Noch gibt es wohltuende Ausnahmen. Nicht genug wertschätzen kann man das Engagement einzelner Firmenkundenbetreuer, die mit Rückendeckung ihrer Chefs mit viel Kompetenz und Verständnis für unternehmerische Realitäten pragmatisch ihre Kunden betreuen - und das innerhalb der Regularien, denen auch sie unterliegen.

Was ist zu tun?

Vertrauen ist keine buchhalterische Größe. Banken, respektive deren Akteure und Vertreter haben über Jahre mit dubiosen Geschäften und Machenschaften ihren Ruf gründlich beschädigt. Ihre Kunden haben sie spüren lassen, wer am längeren Hebel sitzt. An den Banken liegt es nun, verlorengegangenes Vertrauen zurück zu erarbeiten. Im Geschäftsverständnis der Banken muss sich wieder deren volkswirtschaftliche Verantwortung widerspiegeln, der sie derzeit nicht gerecht werden.

Viele der heute bewunderten Unternehmen haben auch mal harte, kritische Zeiten durchlebt, Krisen gemeistert; oft auch mit kräftiger Unterstützung durch ihre Banken. Das wird gerne vergessen, ist aber der Beweis, dass es auch anders geht. Die erfolgreiche partnerschaftliche Zusammenarbeit von früher lässt sich wiederbeleben. Notwendig ist, die zeitlichen Betrachtungsmaßstäbe zu justieren – man hat es vor allem mit Familienunternehmen zu tun, die in Generationen denken, Banken dagegen auf Monatsbasis. Jenseits der Kategorisierung von Branchen braucht es ein stärkeres Eingehen auf das einzelne Unternehmen und eine umsichtige Einschätzung der Umstände einer Branche.
Sind bei einer Kreditvergabe mehrere Banken eingeschaltet, sollten diese nicht aus Konkurrenzdenken argwöhnen, sondern ihre Möglichkeiten bündeln und sich zusammentun – auch im eigenen Interesse. Was die Kommunikation angeht, da besteht bei nicht wenigen Unternehmen durchaus Nachholbedarf. Verständnis für den Informationsbedarf der Bank ist eine Bringschuld. Die Banken wiederum sind gehalten, Covenants mit Augenmaß zu formulieren und hinreichend zu erläutern. Noch wichtiger: Die Verträge müssen wieder „schlanker" werden, sollen sie nicht von Anfang an Misstrauen verbreiten.

Banken, die der Realwirtschaft, dem Mittelstand dienen wollen, müssen an erster Stelle die bewährten Praktiken der Vergangenheit wiederbeleben; ohne dieses wird es nur schlimmer.

21. Januar 2014