Denkzettel
Nummer 62
 

Claus Hipp
Ökounternehmer - Praktiker der Katholischen Soziallehre

Manfred Hoefle

 

„Fürchte Gott, Tue Recht und Scheue Niemand“. Dieser Wahlspruch seines Vaters Georg wurde auch seiner - und zur Leitlinie der 1932 in Pfaffenhofen an der Ilm (Oberbayern) gegründeten Firma. Hervorgegangen ist sie aus der Konditoreiwerkstatt und Lebzelterei des Großvaters Josef, der mit Zwiebackmehl experimentierte, als seine Frau Schwierigkeiten beim Stillen der Zwillingskinder hatte. Ab den 1950er Jahren setzte „Nährmittel Hipp“ konsequent auf organisch-biologische Rohstoffe, zu deren weltweit größtem Verarbeiter das Familienunternehmen wurde.

Das Unternehmen firmiert als Familien-Aktiengesellschaft in vierter Generation mit ausdrücklicher persönlicher Haftung. Es ist Marktführer bei Babynahrung in Deutschland und weiteren Länder und vertreibt seine Produkte in über 60 Länder.

 

Christlich geerdetes Unternehmertum

Nach dem frühen Tod des Vaters war es Claus Hipp mit 29 Jahren auferlegt, das Unternehmen weiter zu führen. Hineingewachsen in den Familienbetrieb, erzogen im nahegelegenen Benediktiner-Gymnasium Scheyern, promovierte er in Jura und erwarb sich große Erfahrung vor allem im ökologischen Landbau. Sein Leitspruch ist „grundehrlich und qualitätsbewusst“ zu handeln.

Sein Lebensthema ist die Bewahrung der Schöpfung, was nichts weniger bedeutet als im Einklang mit der Natur nachhaltig zu wirtschaften. Das geht nur mit Partnern, den acht tausend Biobauern und im Verbund mit dem Handel. Offen und mit großem Vertrauen spricht Claus Hipp von seiner christlichen Einstellung: „.doch es ist meine feste Überzeugung, dass wenn wir uns an unseren traditionellen christlichen Werten orientieren, die Zukunft gut bewältigen werden.“; und weiter: … Doch unsere alten christlichen Werte sind eine Richtschnur für unser Handeln. Und sie sind zeitlos.“

Dazu zählen zuerst die Zehn Gebote, die er einzeln für das unternehmerische Handeln) ausdeutet zum Beispiel: als Vermeidung von Sonntagsarbeit, als Schutz der Familie und allgemein als Absage an eine umfassende „Vermarktwirtschaftung“ des Lebens. Dann sind es die vier Kardinaltugenden: Prudentia (Klugheit), Justitia (Gerechtigkeit), Fortitudo (Mut), Temperantia (Mäßigung). Und auf die Gesellschaft bezogen, die drei Prinzipien der Katholischen Soziallehre (häufig als christliche Sozialethik bezeichnet): Subsidiarität (Eigenverantwortung von Familie, Unternehmen u.a.), Solidarität (Gemeinwohl, soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit), Personalität (Entfaltung der Persönlichkeit in der Gemeinschaft). Diese Trias bildet für ihn das Grundgerüst einer wertorientierten Unternehmensführung.

 

Grundsätze nachhaltiger Unternehmensführung

Im Sinne einer wertebewussten Marktwirtschaft hat Hipp als eine der ersten Firmen im deutschsprachigen Raum einen Regelkatalog aufgestellt und verbindlich gemacht. Diesem liegt die christliche Verantwortung zugrunde und als wesentliches Unterscheidungskriterium die Einheit von Verantwortung und Haftung. Unternehmer haften für Fehlerhalten voll, Manager immer recht eingeschränkt, gewöhnlich gar nicht.

Eckpunkte der Ethik-Charta von Hipp sind in Stichworten:

  1. Langfristige Erfolgserzielung;
  2. Qualitätsmanagement;
  3. Verhalten gegenüber Kunden (Vertrauen, Entgegenkommen);
  4. Verhalten gegenüber Lieferanten (Partnerschaft);
  5. Verhalten gegenüber Konkurrenten (Gegenseitigkeit);
  6. Innovations- und Wachstumsorientierung;
  7. Verhalten gegenüber Mitarbeitern (Information, Zielvereinbarungen, Mitarbeiterauswahl, Aus- und Weiterbildung, Mitarbeiterbeurteilung, Führungskräftebeurteilung durch Mitarbeiter, Vermeidung von Entlassungen, Entlassungsmethoden, Förderung der Familie, Betriebsrat. Mitarbeiter haben die Pflicht zu Höflichkeit, Loyalität, konstruktivem Handeln und Bestechlichkeit zu meiden. Unternehmergeist, zeitbewusstes Handeln, zielorientierte Information und gesellschaftliches Engagement sind erwünscht.

 

Gesellschaftliche Verantwortung als Auftrag

Bonum commune bzw. Gemeinwohl heißt für die Gesellschaft denken und danach handeln. Diese Haltung entspringt dem Gebot der Nächstenliebe, die nach der Katholische Soziallehre auch gesellschaftlich geboten ist (zum Teil in die Bismarck‘schen Sozialreformen übernommen) einschließlich der Sozialpflichtigkeit des Eigentums.

Das Wirtschaftssystem, das der gesellschaftlichen Verantwortung am besten entspricht, ist nach Claus Hipp der Ordoliberalismus (der Freiburger Schule) in Verbindung mit der christlichen Soziallehre. Die Summe daraus ist die Soziale Marktwirtschaft in der ursprünglichen Konzeption der Nachkriegszeit, nicht in der aufgeweichten Variante des Wohlfahrtsstaates von heute.

Eine herausgehobene Bedeutung misst er der Familie zu, der eine natürliche Generationenverpflichtung eigen ist. Im ideologisch-zeitgeistigen Durcheinander von Hedonismus, Konsumismus, Individualismus wird jedoch der Art. 16.3 der Vereinten Nationen „Die Familie ist die natürliche Grundeinheit der Gesellschaft und hat Anspruch auf Schutz durch Gesellschaft und Staat.“ mehr und mehr verwässert, so seine Kritik.

Zum bürgerlichen Selbstverständnis gehört unmittelbar die Eigenverantwortung, die enge Verschränkung von Freiheit und Verantwortung. Daraus folgt zwingend, dass der Staat sich nicht willfährig in das unternehmerische Tun und das der Bürger einmischen darf. Claus Hipp plädiert wie viele Unternehmerkollegen für eine umfangreiche Entflechtung des unentwegt gewachsenen Vorschriftendickichts. Wie passen unternehmerische Freiheit und Verantwortung zu einem Regelbefolgungssystem, das von Misstrauen geleitet und von Compliance bestimmt ist?

Ein Unternehmer legt qua Rolle großen Wert auf die Verantwortung für die Zukunft: Ihm liegt die Generationenperspektive am Herzen. Dabei denkt er auch an die Fehlentwicklungen der jüngeren Vergangenheit und die „Sünden der letzten 150 Jahre“, nämlich die der Industrialisierung. In den Hipp-Umweltleitlinien kommt dieses Bewusstsein zum Ausdruck.

 

Eine vielseitige Persönlichkeit

Claus Hipp ist mit einer außergewöhnlichen Vielfalt an Talenten beschenkt. Er war passionierter Reitsportler. Er ist Förderer klassischer Musik und Oboist im Orchester. Und in der Malerei ist er unter dem Künstlernamen Nikolaus Hipp schaffend; als Professor lehrt er in Tiflis, der Hauptstadt Georgiens, in dem Land, dessen Ehrenbürger er wurde. Der Unternehmer hatte auch eine Vielzahl gesellschaftlicher Aufgaben übernommen, so die Präsidentschaft der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern, die Vizepräsidentschaft des bayerischen und deutschen Industrie- und Handelstages und ist Schirmherr der Münchner Tafel.

Mit seinem Lebenswerk hat Claus Hipp gezeigt, dass eine vom christlichen Menschenbild geprägte Einstellung für ein Unternehmen langfristig orientierend, für den Zusammenhalt wertvoll ist und einen spürbaren Beitrag zu einer besseren Gesellschaft leistet. Wenn der Mensch mehr als nur seine Arbeitskraft wert ist, nicht zum Objekt wirtschaftlichen Handeln degradiert ist, in die Lage versetzt wird, Beruf und Familie miteinander zu verbinden, sind elementare Voraussetzungen für den Zusammenhalt einer Gesellschaft erfüllt.

 

Zum Unternehmer berufen – Der Ehrbarkeit verpflichtet

In Anerkennung der unternehmerischen Leistung erhielt die Firma viele Auszeichnungen, jüngst für das Umweltmanagement, 2002 den „Weltpreis für Nachhaltigkeit“ Energy Globe Award. Hipp wurde in großer Regelmäßigkeit zum nachhaltigsten Unternehmen Deutschlands erklärt. Dass es als Familienunternehmen, als besonders „familienfreundliches“ gewürdigt wurde, scheint so selbstverständlich wie der Preis „Ehrbarer Kaufmann“; und auch ein Querdenker-Award gehört dazu.

Unternehmer sein bedeutet für ihn ohne jeden Abstrich, für seine Leistung einzustehen. Das im Fernsehen verbreitetes Bekenntnis „Dafür stehe ich mit meinem Namen“ wurde zum Gütesiegel von Hipp, das von seinem Sohn Stefan weiter getragen wird. Das landauf landab bekannte Garantieversprechen hätte der Lateiner Claus Hipp auch mit der römischen Rechtsregel „Caveat Venditor“ ausdrücken können; die besagt, dass der Verkäufer der Ware achtsam zu sein hat und nicht wie gewöhnlich der Käufer. Für Hipp war das selbstverständlich.

 Manfred Hoefle, Juli 2020

 

PDF-Download: Denkzettel Nr. 62: Claus Hipp

 

Literatur von Claus Hipp:
Die Freiheit es anders zu machen. Mein Leben, meine Werte, mein Denken, Pattloch, München 2008.
Das Hipp-Prinzip – Wie wir können, was wir wollen; Herder, Freiburg 2012.